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Lübeck Ärger über Baustelle: Krankenwagen kam nicht durch
Lokales Lübeck Ärger über Baustelle: Krankenwagen kam nicht durch
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01:00 25.06.2011
Ilse Hagge ärgert sich über die Baustelle vor ihrer Tür. Immer wieder hatte sie darauf gedrängt, dass ihr Haus erreichbar ist. Foto: Lina Timm Quelle: Lina Timm
Lübeck

Nur ein paar Meter von Ilse Hagges Haustür entfernt steht ein großer Bagger mitten auf dem lockeren Sand, der einmal eine Straße werden soll. Kantsteine und Versorgungsanschlüsse ragen 20 Zentimeter hoch hervor, der Boden ist so uneben, dass man auch zu Fuß leicht stolpern kann. Durch diese Baustelle in der Gärtnergasse in St. Jürgen fand der Krankenwagen kein Durchkommen, als ihr Mann Werner (73) ihn so dringend gebraucht hätte.

„Bereits seit Monaten wird hier gebaut, aber vor ein paar Wochen haben sie uns die Einfahrt komplett dicht gemacht“, sagt die 62-Jährige. Das Problem: Ihr Mann ist beidseitig beinamputiert und daher auf seinen elektrischen Rollstuhl angewiesen, um mobil zu bleiben. „Außerdem ist er schwer herzkrank, und wir haben in 15 Jahren noch keines ohne einen Krankenhausaufenthalt erlebt.“ Als die Bauarbeiten in der Gärtnergasse begannen, schrieb das Ehepaar deshalb einen Brief an die Baufirma und die Entsorgungsbetriebe Lübeck (EBL), die neben den Stadtwerken und der Stadt Lübeck einer der Bauträger sind und mit den Arbeiten vor Ort begannen. „Mein Mann hat aufgrund seiner Erkrankung darum gebeten, dass die Zufahrt zu unserem Haus für einen Krankenwagen jederzeit möglich ist“, erzählt Ilse Hagge. Bereits einen Tag später standen Mitarbeiter der EBL in ihrer Küche und versprachen, auf die Probleme Rücksicht zu nehmen. „Die ganzen Monate über wurde die Baustelle in der Straße dann in drei Teile geteilt, direkt in der Mitte unserer breiten Auffahrt war der Schnitt, so konnte mein Mann mit dem Rollstuhl immer raus“, so die 62-Jährige. Vor drei Wochen aber wurde diese Aufteilung aufgehoben, seither gibt es für Ilse Hagge nur noch den holperigen Weg durch den tiefen Sand, ihr Mann kann das Grundstück gar nicht mehr verlassen.

„An einem Nachmittag wurde er dann auf der Terrasse auf einmal ohnmächtig, fiel hin und brach sich dabei die Hüfte“, so Hagge. Sie wählte die Nummer des Notrufes, ein Rettungswagen der Johanniter kam – und blieb vor der Straßenabsperrung stehen. „Die Bauarbeiter hatten am Vormittag noch gesagt, hier könne ohne Probleme ein Krankenwagen hineinfahren, aber als er dann tatsächlich da war, kam der Fahrer nicht in die Straße.“ Er versuchte es zunächst rückwärts, scheiterte aber am tiefen, unbefestigten Sand und den überall hervorstehenden Anschlüssen. Auch die Rollen der Trage scheiterten an diesem Boden. „Um den Patienten über die Baustraße tragen zu können, wurde von der Besatzung bei der Einsatzleitstelle der Berufsfeuerwehr Lübeck eine weitere Fahrzeugbesatzung zur Tragehilfe angefordert“, schildert Peter Küpper von der Johanniter-Unfall-Hilfe das weitere Geschehen. Eine Gefährdung des Patienten habe aber zu keiner Zeit bestanden.

Ilse Hagge ist anderer Meinung: „Allein das Tragen war durch seinen Hüftbruch wahnsinnig schmerzhaft für ihn. Und wenn es bei seinen Vorerkrankungen tatsächlich etwas mit dem Herzen gewesen wäre, wäre diese Zeitverzögerung lebensgefährlich gewesen!“

Unverständlich sei für sie vor allem, warum es sechs Monate lang keinerlei Probleme gegeben habe und auf einmal doch keine Rücksicht mehr genommen worden sei. „Die Bauarbeiter haben sich bei uns ständig erkundigt und alles mit uns abgesprochen, an denen lag es nicht“, sagt Hagge.

Die Lübecker Entsorgungsbetriebe möchten sich zu dem Vorfall nicht äußern und verweisen auf Stadtsprecher Marc Langentepe. Der kann die Probleme nicht nachvollziehen. „Es hat nie Schwierigkeiten dieser Art in der Gärtnergasse gegeben, auch Paketdienste kamen immer durch.“ Daher könne er sich eigentlich gar nicht vorstellen, warum das für den Krankenwagen nun unmöglich gewesen sei. „Wahrscheinlich hat er es von der falschen Seite probiert.“ Zudem habe die Rettungsleitstelle eine tagesaktuelle Liste aller Baustellen, und auch die Anwohner würden durch die Baufirma gut informiert. Zwar sei es verständlich, dass die Anwohner sich Sorgen machen, „aber das ist ein Einzelfall, es kommt so gut wie nie vor, dass der Rettungsdienst nicht direkt vor die Haustür des Patienten fahren kann“, so Langentepe.

In einigen Wochen soll Werner Hagge aus dem Krankenhaus entlassen werden, dann wird der Krankenwagen bei der Zufahrt keine Probleme mehr haben. Denn in diesen Tagen bringt die Baufirma die Asphaltdecke in der Gärtnergasse auf. Was bleibt, sind für seine Frau ein großer Schreck, viele unbeantwortete Fragen und der Gedanke: „Was, wenn es wirklich ein Herzinfarkt gewesen wäre?“

Lina Timm

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