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Lübeck Alkoholpanscher: Türkei muss Opfer-Familien entschädigen
Lokales Lübeck Alkoholpanscher: Türkei muss Opfer-Familien entschädigen
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10:49 19.09.2013
In Ankara konnte Lars Neca (r.) einen Teilerfolg erzielen, nun klagen er und Anwalt Frank-Eckhard Brand gegen die Versicherung der Schule. Quelle: AFP
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Lübeck

Die Behörden tragen eine Mitschuld, da sie den Schwarzbrennern eine offizielle Genehmigung für den Alkoholverkauf erteilt hatten. Vor vier Jahren kamen drei junge Männer bei einer Klassenfahrt des Lübecker Bildungszentrums Mortzfeld im türkischen Kemer ums Leben. Sie tranken gepanschten Wodka und starben an einer Methanolvergiftung. Vier Mitschüler wurden damals schwer verletzt.

Lars Neca, Vater des getöteten Rafael, spricht von einem „überraschenden Urteil“. Es ist das erste Mal, dass eine türkische Behörde wegen Alkoholpanscherei zu einer Entschädigungszahlung verurteilt wurde. Neca: „Es ist ein Präzedenzfall.“ Da das Urteil in letzter Instanz erteilt wurde, ist es rechtskräftig. Die Höhe der Zahlung ist allerdings noch offen, nach Angaben von Necas türkischer Anwältin Deniz Yildirim müsse über die Summe nun verhandelt werden. In erster Instanz hatte das Gericht in Antalya der Familie ein Schmerzensgeld von 50 000 türkischen Lira (etwa 18 300 Euro) zugesprochen, Kläger und Behörden lehnten ab.

„Ich danke Deniz Yildirim außerordentlich“, sagt Rafaels Vater. „Sie hat einen sehr großen Anteil an dem jüngsten Erfolg.“ Die jetzige Entscheidung bezieht sich zwar nur auf den Tod von Rafael Neca, aber sie werde Signalwirkung haben für die laufenden Prozesse der übrigen Kläger, meint Lars Necas Lübecker Anwalt Frank-Eckhard Brand. Dennoch ist bei Neca trotz aller Freude über das Urteil vor allem Trauer geblieben. „Auch diese Entscheidung bringt mir meinen toten Sohn nicht wieder“, sagt er. „Keine Geldsumme kann das.“ Es sei ihm aber ums Prinzip gegangen. Das Urteil könne dazu beitragen, künftig Alkoholpanschern das Handwerk zu erschweren. „Es kann für mehr Sicherheit sorgen“, sagt Neca. „Bisher machte mehr oder weniger jeder das, was er wollte.“ Die Behörden seien nun angehalten, selbst besser bei der Genehmigungsvergabe hinzuschauen.

Am Bildungszentrum Mortzfeld ist man erleichtert über das Urteil aus Ankara. „Ein langer Kampf geht zu Ende, und wir empfinden Genugtuung“, sagt der stellvertretende Schulleiter Rüdiger Knoll.

„Allerdings kann es das Geschehene auch nicht wieder gutmachen.“ Knoll hofft ebenso wie Neca, dass sich das Urteil positiv auf die Zukunft auswirkt.

Doch für Familie Neca ist der Kampf noch nicht abgeschlossen. Zum einen wird der Prozess gegen die Alkoholpanscher und Hotelbetreiber seit Oktober 2012 neu aufgerollt. Gleichzeitig klagt Lars Neca gegen die Versicherung der Schule wegen der Bestattungskosten. Die Unfallkasse Nord lehnte den Antrag ab, weil es bei Klassenfahrten keinen Rund-um-die-Uhr-Versicherungsschutz gebe — Mahlzeiten, Körperpflege und private Freizeit fielen nicht darunter. „Wieso versichert man sich dann überhaupt?“, fragt Neca. „Das gleicht russischem Roulette.“

Chronologie
März 2009: Die Lübecker Schüler kaufen im Hotel zwei Flaschen Cola und zwei Flaschen Wodka. Drei Schüler sterben an einer Methanolvergiftung.

Januar 2010: Der Prozess gegen die Alkoholpanscher Cengiz und Halil E. beginnt in Antalya. Sie werden im November 2011 zu je 60 Jahren Haft verurteilt. Der Einkaufsmanager und der Restaurantchef des Hotels bekommen wegen fahrlässigen Totschlags und fahrlässiger Körperverletzung je fünf Jahre.

Oktober 2012: Der Kassationshof in Ankara hebt die zu milden Strafen auf. Das zuständige Gericht in Antalya vertagte sich seither bereits zwei Mal.

Peer Hellerling

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