Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck „Alle Künstler haben einen Hau“
Lokales Lübeck „Alle Künstler haben einen Hau“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:50 31.10.2013
Rocko Schamoni (47) ist häufiger Gast der Nordischen Filmtagen und nach eigener Einschätzung „ein totaler Filmfreak“. Quelle: ddp

Lübecker Nachrichten: Sie legen bei der Filmtag-Party Platten auf — was gibt‘s da zu hören?

Rocko Schamoni: Das weiß ich noch nicht.

LN: Wann denken Sie darüber nach?

Schamoni: Ich setze mich vormittags hin und überlege: Was ist das für ein Tag heute, wie ist das Wetter, was sind das für Leute. Und dann stell ich was zusammen.

LN: Wie weit könnte die Spanne reichen — von Schlager bis Punkrock?

Schamoni: Das mit Sicherheit nicht. Es wird eher obskure Tanzmusik sein.

LN: Haben Sie lange überlegt, nach Lübeck zu kommen?

Schamoni: Nein. Erstmal sind die Nordischen Filmtage ja interessant, zweitens bezahlen sie eine anständige Gage. Außerdem ist Lübeck nicht weit weg, eine schöne Stadt, die Kneipe scheint auch gut zu sein.

LN: Mögen Sie nordische Filme?

Schamoni: Ich bin totaler Filmfreak, deswegen interessiere ich mich natürlich auch für nordische Filme. Ich habe zwar eine Vorliebe für Filme von 1960 bis 1980 aus Frankreich. Aber es gibt auch viele gute Filme aus Dänemark und Finnland — und manchmal auch aus dem norddeutschen Raum.

LN: Nordische Filme sind ja nicht gerade Stimmungsaufheller. Es gibt viel Gewalt, Einsamkeit, Alkohol. Muss ein Film weh tun, damit er gut ist?

Schamoni: Nein, aber das alles entspricht unserer Lebenswirklichkeit. Wir im Norden sind endorphin unterversorgt, weil das Licht im Winter fehlt. Und dann wird mehr Alkohol getrunken, daraus resultiert wiederum Gewalt. Das erleben Sie wie ich ungefähr jeden Tag acht Stunden lang. Oder? (lacht laut)

LN: Wenn ich mich hier in der Redaktion umgucke — nö.

Schamoni: Nein, aber die Themen passen doch eher in diese Breiten als in einen lebensfrohen südeuropäischen Film.

LN: Sie haben mal gesagt: Glückliche Menschen sind nicht kreativ.

Schamoni: Naja, auf jeden Fall haben die Leute, die interessante Kunst machen, einen richtigen Hau. Es gibt kaum Künstler, die komplett in sich ruhen. Deswegen sollte man sich nicht beschweren als Künstler, sondern sich bedanken für den Hau, den man hat.

LN: Wo haben Sie Ihren Hau gekriegt?

Schamoni: In Lütjenburg in Schleswig-Holstein, wo ich aufgewachsen bin.

LN: Sie gehörten damals zu den Dorfpunks in Lütjenburg und haben sich einen neuen Namen — eben Rocko Schamoni — gegeben. Warum?

Schamoni: Der Name ist das Wappenschild, die Produktbezeichnung. Wenn man sich einen eigenen Namen gegeben hat, ist man selbst ermächtigt und bestimmt über alles: die Verpackung, den Inhalt.

Zuerst kommt der Name, dann kommt der Rest.

LN: Was ist so cool an Rocko Schamoni?

Schamoni: Der wirkt wie ein klassischer italienischer Name. Die Menschen identifizieren mich mit diesem Namen, das ist meine Hauptproduktbezeichnung. Darunter habe ich noch verschiedene andere Namen, die zum jeweiligen Lebensabschnitt passen.

LN: War das damals in Lütjenburg bewusste Rebellion oder eher Langeweile?

Schamoni: Das Rebellische gehörte zum guten Ton in den 1980ern. Das war eine widerspenstige Zeit, wir alle waren politisch und antisexistisch und antinazistisch. Es gehörte einfach dazu, dass man früh lernte, Haltung zu beziehen.

LN: Gibt es heute noch Potenzial zur Rebellion auf dem Lande?

Schamoni: Das ist sehr schwierig geworden. Die Landgasthöfe und Landdiskotheken machen zu, selbst Disko-Schröder in meiner alten Gegend. Es gibt kaum noch Möglichkeiten, wo die Kids zusammenkommen können. Selbst unternehmen sie nichts, sie erkennen auch gar nicht, dass sie das tun müssten. Die Leute hängen zu Hause vor ihrem Rechner und lassen sich vollpumpen von den Medien und verpassen damit ihr Leben und die Möglichkeit, zusammen etwas zu sein.

LN: Kann man da gegensteuern? Sie sind ja auch Vater.

Schamoni: Schwierig, weil man die Kinder isoliert, wenn man denen alles verbietet. Ich versuche, meiner Tochter das zu erklären und hoffe, dass es irgendwann fruchtet. Ich hab‘ Respekt vor den Eltern, die das anders machen, die in die Berge ziehen und alternativ leben.

LN: Sie überlegen ja auch, wegzuziehen aus Hamburg. Nicht in die Berge, sondern nach Berlin.

Schamoni: Ja, weil Hamburg seine Moraste ausgetrocknet hat. Es war mal eine Stadt mit wirklich wilden Gegenden, wo man in den Sumpf geraten konnte. Sie haben alles totgesäubert. Ich würde gerne dahin gehen, wo es noch etwas abenteuerlicher ist.

LN: Weil Sie immer noch im Geiste ein Punk sind?

Schamoni: Nein, Punkrock ist was für Jugendliche, ich habe das längst abgelegt. Aber die anarchistische Idee, die Punkrock hat, die ist geblieben. Nicht an Hierarchien zu glauben, sondern an Gleichberechtigung. Diese Haltung ist mir nach wie vor nah.

Pre-Award-Party mit prominentem DJ
Rocko Schamoni heißt natürlich ganz anders: als Tobias Albrecht wurde er 1966 in Lütjenburg (Kreis Plön) geboren. Der Musiker, Autor und Schauspieler spielte schon mehrmals bei den Nordischen Filmtagen eine Rolle: Die Verfilmung seiner Autobiografie „Dorfpunks“ durch Lars Jessen lief hier, zuletzt war er 2012 als Schauspieler im ebenfalls von Jessen gedrehten Film „Fraktus“
neben Devid Striesow und seinen Kollegen vom Komik-Ensemble „Studio Braun“ zu sehen. In diesem Jahr legt Schamoni als DJ bei der Filmtageparty auf. „Pre-Award-Party“ nennen die Filmtage die Veranstaltung in der Hanseatendiele, weil sie am Abend vor der Preisgala stattfindet, wo nur geladene Gäste Zutritt haben. Heute Abend dürfen um 22 Uhr alle kommen, die einen Flyer ergattert haben, der dazu einlädt (bekommt man im Kino).

Interview: Petra Haase

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige