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18:10 08.06.2017
Innenstadt

Kinos erhalten Konkurrenz durch Blue-Ray, die wiederum werden von Streaming-Diensten verdrängt. Die Zeiten ändern sich durch immer rasanter werdenden technischen Fortschritt. Das war schon vor mehr als 100 Jahren so, wie die Geschichte des Lübecker Kaiserpanoramas zeigt.

Ein gewisses Fräulein Martha Nölck hatte 1902 in der Breiten Straße 52 das sogenannte Kaiserpanorama übernommen. Obwohl es dort keine bewegten Bilder zu sehen gab, war es eine Zeitlang eine echte Attraktion in der Hansestadt. Die Besucher saßen um ein rundes Gerät herum und schauten mit beiden Augen getrennt hinein. Serien von 50 Bildern zogen am Betrachter vorbei. Das Tolle daran: Die Bilder, auf Glasplatten gebannt, vermittelten den Eindruck, dreidimensional zu sein.

Und obwohl sie – aus heutiger Sicht – nicht spektakulär waren, sondern die Natur im Harz, im Rheinland, in der Schweiz, aber auch in Lübeck, Rostock und Warnemünde zeigten, erntete Fräulein Nölck viel Lob und Anerkennung. Die „Vaterstädtischen Blätter“ verfassten 1905 einen Bericht darüber. Sie rühmten den „hohen Anschauungswert der plastisch hoch vollendeten Bilder“, der allseits anerkannt sei. Vor allem für die Schulen seien die Bilder für die Länder- und Völkerkunde wertvoll. Martha Nölck bemühe sich, „stets die interessantesten Serien für das Lübecker Panorama zu gewinnen“. Und genau deshalb habe sie viele Besucher in ihrem Betrieb.

Doch dann ließen – trotz aller Bemühungen mit Bildern aus dem Ausland – die Geschäfte des Fräulein Nölck nach. In einem Schreiben an die Senatskanzlei Lübeck bittet sie bereits im November 1909 darum, die „Abgaben von Lustbarkeiten“ (Vergnügungssteuer) von täglich drei Mark zu reduzieren, weil die Geschäfte nicht mehr so gut liefen. Sie habe hohe Ausgaben, betreibe das Kaiserpanorama nur acht Monate im Jahr, weil es im Sommer kaum Besucher gebe. Die Stadt kommt ihr entgegen: Statt drei Mark pro Tag muss sie künftig 20 Mark für den ganzen Monat vorauszahlen. Doch nur ein Jahr später schreibt sie die Senatskanzlei erneut an: Durch die Kinematographen-Theater habe sie „scharfe Konkurrenz bekommen“. Die Folge: „Das Unternehmen, welches mir früher eine sorglose Existenz gewährte, bringt mir heute grosse pekuniäre Sorgen, zumal ich noch einen alten Vater zu ernähren habe“, schreibt Fräulein Nölck.

Kinematographen, die bewegte Bilder zeigten, hatte es zwar schon Ende des 19. Jahrhunderts gegeben. Doch zunächst kamen sie nur zu Jahrmärkten und für einzelne Vorführungen nach Lübeck. 1896 gastierte „Edison‘s lebende Fotographie“ erstmals im Restaurant und Café Deutscher Kaiser in der Königstraße, in den Folgejahren waren sie immer mal wieder vorübergehend in der Hansestadt. Doch schon 1906 siedelte sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu Martha Nölcks Kaiserpanorama, nämlich in der Breiten Straße 51, ein erstes „Theater der lebenden Photographien“ an. Es folgte noch im selben Jahr eines in der Tonhalle in der Schmiedestraße, Ende des Jahres kam noch das Metropol in der Breiten Straße 85/87 hinzu (aus: Petra Schaper: Kinos in Lübeck). Zwar hielt sich der Kinematograph in Nölcks Nachbarschaft nur ein Jahr, doch dass bewegte Bilder eine Konkurrenz darstellten, ist mehr als verständlich.

Martha Nölck zeigte sich als geschickte Unternehmerin mit Marketing-Ambitionen: Notfalls müsse sie ihr Kaiserpanorama „nach einer anderen Stadt“ verlegen. Zuvor bitte sie den Senat jedoch um staatliche Subvention. Im Gegenzug biete sie eine größere Anzahl Freikarten „den Herren Hauptlehrern zur Verteilung an die Jugend an“. Die Kinder, so argumentierte sie, „werden dann durch den häufigen Besuch des Panoramas ihre geographischen Kenntnisse bereichern und somit eine richtige Anschauung von Welt und Menschen bekommen.“

Das für die Bitte Nölcks zuständige Polizeiamt war nicht untätig, befragte die Oberschulbehörde. Die sah zwar durchaus einen pädagogischen Sinn im Kaiserpanorama und bescheinigte, Nölcks Vorführungen seien „durchweg geeignet, die Jugend zu belehren und sie von anderen Vergnügungen, namentlich dem Besuch der häufig bedenklichen Kinemathographen-Theater, abzulenken.“ Gleichwohl riet man von einer Subventionierung ab. Doch Martha Nölck war beharrlich, erreichte 1912 eine vorläufige Befreiung von der Vergnügungssteuer.

Dann herrschte einige Jahre Ruhe. Erst 1921 taucht wieder eine Akte auf: Eine gewisse Else Wilms hat inzwischen die Einrichtung übernommen – und beantragt aus denselben Gründen wie ihre Vorgängerin zunächst für ein Jahr den Erlass der Vergnügungssteuer . . .

Sabine Risch

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