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Lübeck Amerika-Blog: Über die Vorteile des Alleinreisens
Lokales Lübeck Amerika-Blog: Über die Vorteile des Alleinreisens
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20:22 27.10.2013
Brian, alias Lee Shane: Nottingham – Hamburg – Myrtle Beach. Lebensstationen eines Rockstars. Quelle: MHA
Myrtle Beach

Allein zu reisen hat Nachteile. Nach kurzer Zeit schon führt man Selbstgespräche, die Gedanken kreisen in Endlosschleife; niemand da, der einen ablenkt, nicht die Freunde, nicht der Freund; man muss sich selbst aushalten. Vermutlich ist es das, was die Leute meinen, wenn sie schreiben: Den Mut zu solch einer Tour, den hätte ich nicht.

Der Mensch ist nicht gemacht fürs Alleinsein. Einsamkeit kann er nur schlecht ertragen. Lieber nimmt er, wenn es schlecht läuft, Kummer und Langeweile mit dem Partner in Kauf; aber meistens, da läuft es ja gut; das ist der Segen der Zeit, in der jeder, zumindest in der westlichen Welt, frei entscheiden kann.

Frei entscheiden, wer er ist, wohin er will. Und mit Glück ist er dann also aus freien Stücken allein unterwegs; das macht vieles einfacher. Die Blicke der anderen beispielsweise. Im Restaurant. Beim Spazierengehen. Der Frauen. Der Männer. Ein Mustern. Mal heimlich. Mal unverfroren. Überwiegend aber freundlich.

Und das ist das Gute am Reisen allein. Wer es schafft, auf die Menschen zuzugehen, ohne etwas zu erwarten, wird selten enttäuscht. Es wird einem geholfen. Mit Ratschlägen. Mit Anteilnahme. Mit Auswegen.

Drei Wochen bin ich jetzt allein unterwegs, und wenn es etwas zu bedauern gibt, dann ist es die Zeit, die viel zu schnell vergeht. Man versucht, sich dagegen zu stemmen; jeden Tag als das zu nehmen, was er ist: ein Geschenk, ein Privileg; aber die Zeit aufhalten, das geht eben nicht.

Es fällt schwer, so etwas wie eine schönste Begegnung der vergangenen Tage zu nennen; es wäre auch ungerecht. Das Treffen mit Brian allerdings, das war schon etwas Besonderes. Er, mit Goldring und Goldkettchen geschmückt, nicht sehr groß, nicht sehr still, mit einem freundlichen Gesicht, 72 Jahre alt, Künstlername: Lee Shane.

Früher hat er in seiner Heimat Nottingham (England) gesungen, später dann, in den 1960ern unter anderem in Hamburg auf der Reeperbahn im Ratskeller zusammen mit den Beatles. Er nannte sich damals Rory Storm, er war ein Rock’n’Roll-Star, seine Band waren „The Hurricanes“, und irgendwann in dieser Zeit spielte auch Ringo Starr für ihn Schlagzeug.

Während die Beatles später allerdings zu dem wurden, was man Legende nennt, machte Brian ein paar Fehler zu viel; schlechtes Management, schlechtes Timing, noch mehr Pech; heute lebt er in Myrtle Beach in South Carolina, in einer dieser typischen Wohnsiedlungen, aber er sagt, dass er glücklich sei. Neidisch auf den Erfolg der Beatles? Er schaut erstaunt. „Warum? Ich bin gesund. Ich lebe. Und ich singe noch immer.“

Brian steht auf dem Boardwalk am Strand; es ist Oktober, noch immer baden die Menschen. In zwei Tagen hat er wieder eine Show; nichts Großes; „Aber mir ist es egal. Und wenn ich nur für zwei Leute singe.“

Brian lächelt. Er richtet sich auf, er sagt: „Es wird Zeit für einen Kaffee.“
Allein zu reisen, hat Nachteile.
Allein zu reisen, hat Vorteile.
Den Vorteil etwa, Zeit zu haben und Menschen wie Brian zu treffen.

Mehr über ihre Erlebnisse berichtet Marion Hahnfeldt in ihrem Blog www.threemonth.de

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