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Lübeck Attacke auf Busfahrer: "Das ist schlimm und kann jeden treffen"
Lokales Lübeck Attacke auf Busfahrer: "Das ist schlimm und kann jeden treffen"
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08:50 16.02.2016
Busfahrer Frank Burkhardt (52) steht an der Endhaltestelle der Linie 10 in Sereetz. Für ein schnelles Foto ist gerade noch Zeit, dann muss der Mann weiter. Früher war der Job ruhiger, sagt er. Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat
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Lübeck

Am Zob wird es eng im Bus. Es ist warm, und die Menschen drängen sich mit nassen Jacken aneinander. Ganz vorn sitzt Frank Burkhardt (52) und lenkt den Wagen durch einen nasskalten Februarnachmittag. Menschen hinein, Menschen hinaus, fahren, stehen, weiterfahren. Alltag für den Mitarbeiter des Stadtverkehrs Lübeck. An genau so einem Alltag saß sein Kollege vergangene Woche plötzlich mit gebrochenem Nasenbein hinter dem Steuer.

Ein Fahrgast wollte seinen Fahrschein nicht zeigen und schlug den Mann am Steuer schließlich so brutal ins Gesicht, dass dieser mit einer stark blutenden Wunde ins Krankenhaus gebracht werden musste (LN berichteten). Wenn Burkhardt solche Geschichten hört, ärgert er sich. „Das ist schlimm und kann jeden treffen“, sagt er, aber mehr Zeit zum Reden hat er nicht. Gedränge auf der Straße und im Bus. Jugendliche mit Musik im Ohr, Mütter mit Kindern auf dem Schoß und Menschen mit müden Feierabendblicken füllen den Wagen. Stimmengewirr übertönt die Haltestellenansage und das „Pling“ des Fahrscheinentwerters.

Burkhardt macht den Job seit 24 Jahren. Etwas Schlimmes erlebt habe er bisher nicht, und er gehe „jeden Tag wieder positiv“ auf die Strecke. Er kam direkt von der Bundeswehr und fährt seitdem für den Stadtverkehr. Warum er sich damals den Job ausgesucht hat, weiß er nicht mehr. „Oh je“, sagt er lachend, „das ist doch schon so lange her.“ Dafür weiß er, dass er sich heute nicht wieder für den Beruf entscheiden würde. „Die Zeiten haben sich geändert. Damals war es ruhiger.“ Trotzdem mag er seine Arbeit. „Ich habe geregelte Arbeitszeiten, bin mit Menschen zusammen“, sagt Burkhardt, „und ich fahre gern Auto, also auch gern Bus.“

Heute ist der Mann mit den grauen Haaren und der blauen Dienstkleidung auf der Linie 10 unterwegs. Insgesamt gibt es 20 Linien. Richtung Sereetz ist eine ruhige Strecke, sagt er. Aussuchen können sich die rund 350 Busfahrer das nicht. Fahrzeuge und Linien wechseln täglich. „So wird es auch nicht eintönig“, sagt Sprecherin Gerlinde Zielke später. Laut Stadtverkehr Lübeck verdient ein Busfahrer rund 2800 Euro brutto. Der Betrag variiert je nach Betriebszugehörigkeit. Dass die Übergriffe auf Fahrer zugenommen haben, kann Zielke nicht sagen. „Wir hatten 2015 bloß eine Häufung.“

Burkhardt fährt derweil durch die Siedlung Vorwerk, wo Dietmar Ladenthien (54) von seinem Rollstuhl aus einen blauen Halteknopf drückt. „Meistens helfen die Fahrer mit, aber manchmal muss ich auch rufen“, sagt er bevor der Bus hält. Eine Fremde klappt für den Rollstuhlfahrer die Rampe herunter, und Burkhardt hilft dem Mann beim Runterrollen. Rufen musste der Fahrgast nicht. Nach ein paar Minuten geht es weiter Richtung Bad Schwartau. Mit im Bus sitzt auch Katharina Balschus (21). „Gerade am Wochenende steigen abends oft betrunkene Fahrgäste ein“, sagt die Lübeckerin. „Das stört mich, und ich kann verstehen, dass Busfahrer auch mal unfreundlich werden.“ Es sei kein leichter Job.

Auf der Fahrt raus aus der Stadt ist es mit jeder Haltestelle leerer im Bus geworden. Auch auf der Straße. Doch Burkhardt muss trotzdem warten: am Bahnübergang in Bad Schwartau. Wie so oft. Am Ende hat er acht Minuten Verspätung, und an der Wendeschleife keine Zeit zum Verschnaufen. Stattdessen bekommt er bei Verspätungen den Frust der Fahrgäste zu spüren. Sie schauen demonstrativ auf die Uhr oder fragen: „Wo kommen Sie denn her?“ In der Regel schaltet der 52-Jährige dann lieber auf Durchzug. „Ich konzentriere mich lieber aufs Fahren“, sagt er. Denn spätestens am Zob wird es wieder eng auf den Straßen und in seinem Bus.

Cosima Künzel

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