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Lübeck „Auch Knöllchen zu verteilen, ist eine Dienstleistung“
Lokales Lübeck „Auch Knöllchen zu verteilen, ist eine Dienstleistung“
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21:27 02.05.2016

An seinem Büro hängt schon das neue Schild mit seinem Namen. Ein paar Meter weiter vorne im Flur des Verwaltungszentrums Mühlentor prangt noch der Name seines Vorgängers Bernd Möller auf dem Hinweisschild. Gestern war der erste Arbeitstag von Ludger Hinsen. Der 54-jährige CDU-Politiker verbringt die ersten Tage damit, seine unmittelbaren Mitarbeiter und einige Politiker kennenzulernen. „Ich habe den Plan, jedem Mitarbeiter einmal das Händchen zu schütteln“, sagt der Senator, „das wird allein schon bei der Feuerwehr eine Herausforderung“.

Seit gestern ist Ludger Hinsen (54, CDU) neuer Innen- und Umweltsenator. Das Büro hat er von seinem Vorgänger übernommen. Ende Januar wurde Hinsen gewählt. Quelle: Fotos: Olaf Malzahn, Wolfgang Maxwitat

Der Neue ist gerade aus Münster an die Trave gezogen. In der Altstadt hat er eine Wohnung gemietet, die er später gerne kaufen würde. Zu seinem Neustart in Lübeck hat er erst einmal die heimische Wirtschaft angekurbelt. Möbel bei einem renommierten Lübecker Möbelhändler („Nein, nicht Ikea“, sagt er lachend) gekauft, sich ein Fahrrad mit Helm bei einem Fachgeschäft besorgt. „Im Bioladen war ich auch schon.“ Aber er sei weder Vegetarier noch Dogmatiker, schiebt er gleich hinterher. „Ich esse gerne Fleisch, aber nicht aus Qualzucht“, sagt Hinsen. Als Besitzer eines Mittelklassewagens verteufelt er auch das Autofahren nicht. Aber wer viele Jahre in Münster gewohnt hat, der kann ja gar nicht anders, als für das Radfahren zu werben. Hinsen hat jetzt drei Fahrräder — das ist guter Münsteraner Schnitt. „Auf alle Lübecker umgerechnet wären das eine halbe Million Räder“, sagt Hinsen, der das Wegenetz an seiner neuen Wirkungsstätte freundlich beurteilt. In anderen Städten seien die Radwege jedenfalls schlechter.

Am Freitag taucht der gebürtige Paderborner gleich ganz tief in sein neues Aufgabengebiet ein — allerdings als Kunde. „Am Freitag melde ich mich um“, erzählt der CDU- Politiker. „Ich habe mir online einen Termin besorgt, bekam einen Hinweis auf die nötigen Unterlagen und gehe davon aus, dass die Sache in einer Viertelstunde erledigt ist.“ Von den heftigen Debatten über geschlossene Stadtteilbüros und das zeitweilige Chaos in der Zulassungsstelle hat Hinsen natürlich gelesen. „Wenn man eine Terminvergabe macht, muss das Dienstleistungsversprechen auch eingehalten werden“, sagt der Senator. Plötzliche Engpässe könne es zweifellos mal geben. Da müssten die Bürger schnell informiert werden. Schwieriger seien strukturelle Probleme, weil zu wenig Personal vorhanden sei. Hinsens Lösung lautet aber nicht, mehr Leute einzustellen. „Wir müssen langfristig dahin kommen, dass mehr behördliche Dienstleistungen im Internet angeboten werden“, fordert der Neue. „Warum kann ich im Internet einkaufen, mich aber nicht dort ummelden?“

Und wie steht er zu Blitzern und Knöllchen? „Ich bin ein überzeugter Anhänger des Rechtsstaates“, antwortet der Volljurist, „Regeln müssen eingehalten werden.“ Wenn jemand in einer Tempo-30-Zone mit seinem Auto rase, werde er ihm zur Not mit Überwachung und Bußgeldern nachstellen. Hinsen: „Ich werde nicht darauf verzichten, Regeln durchzusetzen.“ Auch Politessen, die Knöllchen verteilen, würden eine Dienstleistung für die Bürger erbringen. Hinsen: „Knapper Parkraum wird bewirtschaftet.“ Aber Hinsen behält sich das Recht vor, Regeln auch zu hinterfragen. „Braucht es an dieser Stelle eine Tempo-30-Zone?“ Auch beim Umweltschutz ist Hinsen kein Überzeugungstäter. In Berlin habe er erlebt, dass Umweltzonen eingeführt wurden und die Feinstaubbelastung danach anstieg. In der kommunalen Klimaschutzpolitik herrsche eine gewisse Hilflosigkeit, hat er festgestellt.

Der neue Senator ist mit einem gerüttelt Maß an Verwaltungserfahrung an die Trave gekommen. Dezernent für Inneres war er 1999/2000 für ein paar Monate in Bochum, anschließend in Essen fünf Jahre für Umwelt, Gesundheit und öffentliche Ordnung zuständig. Dass er in einer bettelarmen Stadt tätig wird, kann den CDU-Politiker nicht erschrecken. Hohe Verschuldung — das kennt er aus Essen und Bochum.

Trotzdem will Hinsen in seinem neuen Job auch gestalten. „Ich habe schon ein paar Ideen“, verrät er — mehr aber nicht. Zeit genug hat er ja. In Lübeck will er zwölf Jahre das Amt ausüben. „Das hängt allerdings vom lieben Gott und der Bürgerschaft ab.“

Jurist, Familienvater, CDU-Politiker

1962 kam Ludger Hinsen in Paderborn zur Welt. Er wuchs in Münster auf, trat mit 16 Jahren in die CDU ein und nie wieder aus. Seit 1985 übt Hinsen keine Parteiämter mehr aus. Neben seinen Verwaltungsämtern in Bochum und Essen arbeitete Hinsen knapp fünf Jahre als stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Berlin und danach als Geschäftsführer eines Immobilienverbandes. Hinsen ist verheiratet und hat mehrere Töchter (genauer will er sich zum Familienleben nicht äußern).

Seine Frau ist Islamwissenschaftlerin an der Uni Münster.

Von Kai Dordowsky

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