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Lübeck Auf Trampelpfaden nach Eichholz
Lokales Lübeck Auf Trampelpfaden nach Eichholz
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19:05 09.03.2018
Für unsere LN-Serie „Die Grenzgängerin“ hat sich Redakteurin Cosima Künzel ein echtes Abenteuer vorgenommen. Sie versucht Lübeck entlang der Stadtgrenze zu umrunden. 120 Kilometer liegen vor ihr, eine Strecke auf der es viel zu entdecken gibt. Folgen Sie ihr – ab heute täglich in Ihren LN.

Ingrid Schatz steht in Schlutup an der Grenze zur ehemaligen DDR. Sie schaut über Himbeerbüsche ins dichte Grün und streicht sich über die Unterarme. „Wenn ich an die Grenzöffnung denke, spüre ich immer noch so einen Schauer“, sagt die Vorsitzende des Vereins Grenzdokumentationsstätte Lübeck-Schlutup in der Mecklenburger Straße 12.

Dieser Grenzgang beginnt in Schlutup und führt nach Eichholz über 10,3 Kilometer.

Hier soll die etwa 120 Kilometer lange Wanderung entlang der Lübecker Stadtgrenze beginnen, denn die Grenze läuft parallel zur Landesgrenze Mecklenburg. Innerhalb der kommenden etwa zwei Wochen will ich Lübeck umrunden und dabei dem Grenzverlauf folgen. Auf Trampelpfaden, durch Moorgebiete, Wälder, Wiesen und Siedlungen. Ich will entdecken, welche Menschen hier leben und arbeiten. Hören, was sie bewegt, was den Bürgern am Herzen liegt.

Ingrid Schatz erzählt nahe des „Grenzmuseums“ von ihren Hoffnungen und ihrer Arbeit im Verein. Am 9. November 2004 nahm die Dokumentationsstätte den Betrieb auf, 5000 bis 6000 Gäste besuchen die Ausstellung jährlich und der Förderverein, der das Haus betreibt, zählt 130 Mitglieder. „Ich arbeite seit zwölf Jahren ehrenamtlich hier, jeden Freitag, Sonnabend und Sonntag.“ Es mache Freude, betont sie. „Aber ein freies Wochenende wäre auch mal schön.“ Jetzt wollen Abgeordnete von Land und Kommune der ehrenamtlich geführten Einrichtung helfen und ein Zukunftskonzept entwickeln. Schatz freut sich, ist aber noch kritisch. „Es wurde immer viel geredet in den vergangenen Jahren, jetzt wird hoffentlich gehandelt.“

Schön wäre es, mehr mit ihr zu plaudern, aber die erste Zehn-Kilometer-Etappe bis Eichholz ist noch zu bewältigen. Also wird der Fünf-Kilo-Rucksack geschultert, und strammen Schrittes geht es los.

Neben Wasser, Wechselsachen und Blaubeerkuchen sind auch Kamera und ein Tablet im Gepäck. Letzteres soll den Weg entlang der Grenze mit einer App weisen. Bei einem ersten Test funktionierte das gut.

„Navigation starten?“, fragt das Gerät nun und wird nach Bestätigung im Rucksack verstaut. Der Kolonnenweg ist schnurgerade und nicht zu übersehen. So geht es weiter, die Vögel zwitschern, und das Wetter ist mit 22 Grad Celsius, Sonne und Wolken fast perfekt.

In der Ferne geht jemand mit seinem Hund Gassi, und in der Nähe spricht jemand. Stetig und aufdringlich. Woher kommt das? Ah, das Tablet. „Tour wird angepasst“, wiederholt die Frauenstimme aus dem Lautsprecher, und es stellt sich die bange Frage: Wieso? Ein Blick auf die Karte – auf den gestern geplanten Weg und die tatsächliche per GPS ermittelte Strecke – macht deutlich, dass ich mich auf den ersten paar Metern schon verlaufen habe. Peinlich. Also bleibt das Tablet in der Hand, und ich gehe nun wie eine Büroangestellte durch das Wäldchen parallel zur Bundesstraße. Block und Stift rechts, Tablet links. Noch dazu die Kamera vorne. Das ist unkomfortabel, schwer, blöd. Aber kaum ist alles doch wieder im Rucksack, kommt ein Mann auf dem Rad den inzwischen erreichten Palinger Weg entlang. Zum Glück hat Horst Wiese (76) Zeit, bis alles wieder ausgepackt ist und erzählt, dass seine Frau ihm das E-Bike geschenkt hat. „Jetzt bin ich nur noch unterwegs“, sagt er lachend und weist auf den Tacho, der 580 Kilometer in fünf Wochen anzeigt. Dank des Motors gehe es die Hügel „rauf wie nix“, sagt er und düst mit fünfzehn Stundenkilometern wieder los.

Mein Wandertempo liegt laut App im Schnitt bei 5,1 Stundenkilometern. Das ist ein guter Wert und lässt Zeit, um kleine Nachtfalter und zauberhafte Blumen zu fotografieren. Während die erste Etappe in Schlutup noch eher ein Trampelpfad mit schulterhohem Gras war, geht es zwischen Wesloer Tannen und Palinger Heide auf breiten Wegen. Am Wesloer Moor muss ich auf einem Stamm über einen Wasserlauf balancieren, und die Landschaft mutet an wie im Märchen. Schön – doch da ploppt auf der digitalen Wanderkarte ein Fenster auf: „Batterie bei 10 Prozent“. Also schneller gehen und auf die Siedlung hoffen.

Endlich: Eichholz. Doch wer spendiert dem Tablet Strom? Überall nur Mehrfamilienblöcke, – aber da! – die Begegnungsstätte Ansverus-Haus mit dem Nachbarschaftsbüro Eichholz. Dort öffnet Christine Bakowski (55) lächelnd die Tür und hilft gerne. Leider lädt der Akku entsetzlich langsam, dafür bleibt Zeit für ein Gespräch über die Arbeit. „Wir sind eine Anlaufstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Stadtteil und möchten die Nachbarschaft stärken und die Menschen verbinden.“ An verschiedenste Grenzen stößt das Team dabei auch. „Aber das Verbindende ist hier sehr stark und überwiegt.“

Mit leider nur zwölf Prozent Akku geht es weiter, das Ziel ist nah – und doch fern. Eigentlich sollte es auf einem Grünstreifen hinter der Finnlandsiedlung bis zur Wakenitz gehen. Aber im Naturschutzgebiet ist an den Bahnschienen Schluss. Die Verbotsschilder sprechen eine deutliche Sprache, und auch Anwohner Michael Krawinkel (60) warnt: „Da geht es nicht weiter.“ Also, zu Hause neu planen und morgen munter weiter, mit frischer Energie – auch für die digitale Wanderkarte.

 Cosima Künzel

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