Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Auf den Spuren der eigenen Geschichte
Lokales Lübeck Auf den Spuren der eigenen Geschichte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:02 28.07.2016
Erlebt einen glücklichen Moment auf der „Fridthjof“: Geir Tönnessen (53) aus Norwegen besucht das frühere Schiff seines Großvaters.

Als Geir Tönnessen von der Existenz der „Fridthjof“ erfuhr, war ihm sofort klar: Dieses Schiff muss ich mir vor Ort anschauen. Nun interessiert sich der im südnorwegischen Fischerdorf Borhaug wohnhafte 53-Jährige nach eigener Aussage „nicht mehr als gewöhnlich“ für Geschichtliches. Viel mehr verbindet den Norweger eine ganz besondere Beziehung zu dem an der Wallhalbinsel liegenden Zweimaster: Es war Geir Tönnessens Großvater Edvin, der als Kapitän und Eigner der „Fridthjof“ von 1939 bis 1963 das Kommando über die Galeasse hatte.

Der Enkel des früheren „Fridthjof“-Kapitäns reist extra aus Norwegen an, um das weit über 100 Jahre alte Traditionsschiff zu besichtigen – Er erlebt rührende Momente an Bord.

„Ich habe die Geschichte meines Großvater wiedergefunden.“Geir Tönnessen (53) aus Borhaug

„Er war ein richtiger Seemann, mit Tätowierungen auf dem Arm“, erinnert sich der 53-jährige Norweger, der als Jugendlicher seinen Großvater noch erleben durfte. Ausgerechnet im Geburtsjahr seines Enkels sah sich Kapitän Edvin Tönnessen aus gesundheitlichen Problemen dazu gezwungen, die „Fridthjof“ zu verkaufen. Bis vor einem halben Jahr hatte Geir Tönnessen deshalb gar nicht von der „Fridthjof“ und dem engen Familienbezug zum Schiff gewusst. Erst ein Freund und Hobbyhistoriker entdeckte im Zuge seiner Recherchen für einen Traditionsschiffe-Sammelband die außergewöhnliche Verbindung.

Beim dreitägigen Besuch in der Hansestadt sehen Geir Tönnessen und seine Frau Karin das in der Hansestadt überaus bekannte Traditionsschiff erstmals in der Realität. Ehrfürchtig blickt sich der Norweger auf dem hölzernen Unterdeck um. Nun steht er an eben jener Stelle, an der sein Großvater jahrelang tätig war. „Die Bretter an den Innenwänden stammen zum Teil noch aus der Zeit des Baus im Jahr 1881“, erklärt Crew-Mitglied Ulrich Bayer bei einer persönlichen Führung an Bord. Zusammen mit dem „Fridthjof“-Vereinsvorsitzenden und Skipper Lutz Kirsten nimmt er das norwegische Ehepaar mit auf eine Reise durch die Vergangenheit. „Bis 1911 war die ,Fridthjof’ als Robben- oder Walrossfänger im Einsatz“, sagt Kirsten. Vor dem Zweiten Weltkrieg habe eine sechs bis acht Mann große Besatzung die norwegische Küste als Versorgungsschiff beliefert, ehe 1943 die Nationalsozialisten den Zweimaster beschlagnahmten und ihn als Vorpostenboot nutzten. Erst nach Kriegsende habe man die „Fridthjof“

in einem desolaten Zustand am Strand von Ålesund aufgefunden. Den Weg nach Lübeck fand das Schiff 1981 durch den Erwerb eines neuen Eigners.

Geir Tönnessen zeigt sich beeindruckt, stellt immer wieder Fragen zur Geschichte des Frachtschiffes, das sich aktuell in der Endphase der im März 2015 begonnenen Grundsanierung befindet. Unterstützt durch die Possehl-Stiftung arbeitet der Verein an der Herrichtung des etwa 32 Meter langen Zweimasters. Oberdeck, Klüverbaum, Großmast, Stützen – mit vollem Einsatz restaurieren die Vereinsmitglieder nahezu das gesamte Schiff in Eigenarbeit. Die 2011 erworbene Galeasse soll schon bald wieder fahrtüchtig sein und für soziale Zwecke eingesetzt werden.

Noch lange nach der Führung steht Geir Tönnessen an der Kaikante und schießt Erinnerungsfotos. Der Norweger ist gerührt. „Ich habe die Geschichte von meinem Großvater wiedergefunden“, beschreibt er den glücklichen Moment. Die Bilder möchte Tönnessen seinen beiden in Norwegen lebenden Brüdern zeigen und ihnen einen Besuch dieses „stolzen Schiffes“ ans Herz legen.

 Christoph Brandt

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige