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Lübeck Auschwitz-Überlebende berichtet in Lübecker Schule
Lokales Lübeck Auschwitz-Überlebende berichtet in Lübecker Schule
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19:48 09.11.2018
Zeitzeugin Eva Szepesi liest in der Hanse-Schule aus ihrem Buch „Ein Mädchen, allein auf der Flucht“. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Innenstadt

Auf dem Podium der Aula in der Hanse-Schule stehen zwei rote Sessel bereit; Blumen-Bouquets umrahmen die Szenerie. Zwei außergewöhnliche Besucherinnen sind dank des Vereins Yad Ruth zu Gast; sie werden den Tag über vor insgesamt 500 Schülerinnen und Schülern sowie bei einer öffentlichen Veranstaltung aus ihrem Leben berichten, und das Datum 9. November lässt darauf schließen, was sie erleben und erdulden mussten.

„Ich werde manchmal von Schülern gefragt, wie lange wir uns denn noch in Deutschland mit der Shoah beschäftigen werden“, führt Politik-Lehrer Klaus Senkbeil in den Vormittag ein, „ungefähr 500 Jahre – mindestens, sage ich immer. Schließlich ist der nationalsozialistische Völkermord an den Juden Europas ein einzigartiges Geschehen in der Weltgeschichte.“

Berufsschüler Alexander Arndt (23): „Die Vergangenheit darf nicht in Vergessenheit geraten. Der Bericht von Frau Szepesi vermittelt das Geschehen auf eine sehr persönliche Art. Ich bin jedenfalls dankbar für die Möglichkeit, sie getroffen zu haben.“ Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Über sechs Millionen Opfer, über sechs Millionen Einzelschicksale, und mit Eva Szepesi bekommt dieser schreckliche Abschnitt deutscher Geschichte ein Gesicht. Sie hat das Konzentrationslager Auschwitz überlebt und setzt sich seit Jahren als Zeitzeugin für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit ein. Im vergangenen Jahr wurde ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen.

„Ich habe eine glückliche Kindheit verlebt“, betont die 86-Jährige, „bis zum sechsten, siebten Lebensjahr, als die Ausgrenzungen und Schikanierungen begannen und als ich dann auch von meinen besten Freunden sehr enttäuscht wurde und sie mich als Jüdin ausgegrenzt haben.“ Sie wuchs in Budapest auf, wo ihre Eltern ein Geschäft für Herrenmode betrieben. Als der Druck auf die jüdische Familie immer größer wurde, floh sie im Alter von elf Jahren – Mutter und Bruder sollten später nachkommen, Vater war bereits im Arbeitsdienst – mit ihrer Tante in die Slowakei und versteckte sich.

Elif Turgut (21): „Es ist eine große Chance und eine große Ehre, eine Zeitzeugin persönlich getroffen zu haben. Die Botschaft, die wir als junge Generation mitnehmen, ist die Aufgabe, solch ein unvorstellbares Maß an Unmenschlichkeit in Zukunft zu verhindern.“ Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

NS-Schergen spürten sie jedoch auf, und das inzwischen zwölfjährige Mädchen wurde Anfang November 1944 im Viehwaggon ins KZ Auschwitz-Birkenau gebracht. „Ich weiß nicht mehr, wie lange unser Zug gefahren war, bevor er endlich stoppte“, erinnert sie sich, „es war am späten Nachmittag, als die Türen aufgerissen wurden und wir geblendet vom Licht der Scheinwerfer uns vom lauten Gebrüll und Geschrei empfangen aus dem Waggon stolperten.“ Eine Eiseskälte sei ihr entgegengeschlagen.

„Jetzt konnte ich vor Angst und Kälte kaum atmen“, fährt sie fort, „zitternd stand ich auf der Rampe. Um uns herum standen deutsche SS-Männer teilweise mit Hunden und Lederpeitschen in der Hand. Wir wurden in ein Gebäude gebracht, wo wir alle persönlichen Sachen abgeben und uns nackt ausziehen mussten. Eine Frau näherte sich mir mit einer Schere in der Hand. Ohne zu zögern schnitt sie mir meine geliebten Zöpfe ab, nahm sie und warf sie auf einen großen Haufen Haare, der bereits am Boden lag.“

Kevin Josteit (20): „Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir die Möglichkeit bekommen haben, Einblicke in die Erlebnisse einer Zeitzeugin bekommen zu haben. Auch habe ich großen Respekt davor, dass diese Menschen den Mut und die Kraft haben, von ihren schrecklichen Erlebnissen zu erzählen.“ Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Schließlich wurde sie in eine Unterkunftsbaracke gebracht. „Als ich dort eintrat, schreckte ich entgeistert zurück. Der Anblick, der sich mir bot, war furchtbar. Auf den Pritschen lagen völlig ausgemergelte und in Lumpen gehüllte Gestalten. Viele reagierten gar nicht auf uns Neuankömmlinge. Sie hatten Gesichter, denen alles egal war“, liest sie vor. Sie erhielt die Häftlingsnummer A-26877, die noch immer auf ihrem Unterarm zu sehen ist. Ende Januar 1945 wurde sie nicht auf den Todesmarsch mitgenommen, da sie bereits für tot gehalten wurde.

Bei der Befreiung des Lagers am 27. Januar 1945 wurde sie schließlich von einem russischen Soldaten gerettet, nachdem sie mehr als eine Woche lang ohne Essen und Trinken in der Kälte zwischen Leichen ausgeharrt hatte. Damit gehört sie zu den nur rund 400 Personen, die als Kinder die Haft in Konzentrationslagern überlebten.

„Ich habe großen Respekt davor, dass sie den Mut und die Kraft hat, von ihren schrecklichen Erlebnissen zu erzählen“, sagt hinterher Kevin Josteit. Und sein Mitschüler Alexander Arndt bemerkt: „Der Bericht von Frau Szepesi hat das Geschehen auf eine sehr persönliche Art vermittelt. Ich bin jedenfalls dankbar für die Möglichkeit, sie getroffen zu haben.“ Elif Turgut resümiert. „Die Botschaft, die wir als junge Generation mitnehmen, ist die Aufgabe, solch ein unvorstellbares Maß an Unmenschlichkeit in Zukunft zu verhindern.“

Michael Hollinde

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