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Lübeck Ausgedoktert: Justiz-Posse um Scherztitel eingestellt
Lokales Lübeck Ausgedoktert: Justiz-Posse um Scherztitel eingestellt
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22:43 25.10.2013
Eine 54-Jährige kaufte sich einen fiktiven Doktorgrad und schrieb darüber satirische Texte. Lübecks Staatsanwaltschaft erhob Anklage. Quelle: Prey
Lübeck

Selten ist eine Gerichtsverhandlung so spaßig verlaufen, selten war der Anklagegrund so offensichtlich fraglich. „Der Fall ist es wirklich nicht wert, dass für ihn noch mehr Papier verschwendet wird“, echauffierte sich Rechtsanwalt Maik Swienty schon vor Beginn. Er vertrat Eva Ihnenfeldt gestern vor dem Lübecker Amtsgericht, die Anklage lautete auf Titelmissbrauch. Die hiesige Staatsanwaltschaft warf der 54-jährigen Unternehmerin und Journalistin aus Witten (Nordrhein-Westfalen) vor, „unbefugt einen akademischen Grad verwendet zu haben“. Ihr stehe jedoch gar keiner zu.

Dabei hatte sich Ihnenfeldt bloß im März für 39 Euro den Ehrendoktortitel „Dr. h.c. of Ministry“ der fiktiven US-Kirche Miami Life Development Church (MLDC) zugelegt — diese legale Idee hatte ein Lübecker Geschäftsmann. Wenn die Kunden den Titel stets in voller Länge angeben (in Ihnenfeldts Fall „Dr. h.c. of Ministry, MLDC Miami“) ist es nicht strafbar. Die 54-Jährige schrieb zwei satirische Beiträge darüber in ihrem Blog steadynews.de, auch im Newsletter tauchte der Spaßtitel kurz auf. Was folgte, waren der Vorwurf des Titelmissbrauchs, eine Hausdurchsuchung und ein Strafbefehl. Gegen 1200 Euro würde das Verfahren eingestellt. Ihnenfeldts Anwalt Swienty legte Rechtsmittel ein (die LN berichteten). Die Lübecker Staatsanwaltschaft führte bundesweit 80 Verfahren, etwa 50 sind bereits eingestellt worden.

„Ich habe diesen Titel nie benutzt oder das beabsichtigt“, sagte die 54-Jährige gestern vor Gericht. „Das war nur ein Scherz.“ Dass es sich bei den beiden Blog-Texten um Satire handelte, sah offenbar auch die Staatsanwaltschaft ein. In der Anklageschrift drehte es sich nur noch um jene Fußnote im Newsletter: „Der Spruch nun wirklich gut gefällt, Frau Doktor h.c. Ihnenfeldt.“ Hintendran folgte ein kleines Sternchen, das zur vollen Länge des Ehrentitels führte. Laut Staatsanwaltschaft sei dennoch nicht klar erkennbar, dass es sich um einen gekauften Grad handle.

Während der 30-minütigen Verhandlung entschuldigte sich Ihnenfeldt mehrmals, „dass ich so viel Arbeit mache“. Als Entschädigung wollte sie gern alle zum Kaffee einladen. Auch der Richter konnte sich stellenweise ein Lächeln ob der bizarren Vorwürfe nicht verkneifen. Am Ende einigten sich beide Seiten: Die Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren ein, Ihnenfeldt löscht dafür den Newsletter. Die Kosten des Verfahrens wiederum trägt die Staatskasse. „Ich wäre auch ins Gefängnis gegangen“, sagte Ihnenfeldt hinterher.

pah

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