Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Autonomes Frauenhaus: „Wir sind verzweifelt“
Lokales Lübeck Autonomes Frauenhaus: „Wir sind verzweifelt“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:09 18.06.2018
Sogar in den Büros des Frauenhauses werden derzeit schutzsuchende Frauen untergebracht. Quelle: Fotos: Privat, Olaf Malzahn
Lübeck/Kiel

„Als wir vor 40 Jahren das Autonome Frauenhaus eröffneten, konnten mutige Frauen mit ihren Kindern Tag und Nacht zu uns kommen“, erklärt Anke Kock. „Heute können wir keiner Frau mehr eine Zusage machen.“ Das Beratungszimmer ist mit Matratzen belegt, und in einem Büro wohnt eine junge Frau mit einem zwei Monate alten Säugling. Kock: „Aktuell zählen wir 50 Personen im Frauenhaus, wir sind komplett überbelegt.“ Auch im kleineren Awo-Frauenhaus in der Innenstadt sieht es nicht besser aus. Alles dicht. 2017 haben die beiden Schutzeinrichtungen zusammen 370 Frauen und Kinder weggeschickt, weil Plätze fehlten.

Was die Situation besonders dramatisch macht: In Schleswig-Holstein und Hamburg mit zusammen 21 Frauenhäusern gibt es ebenfalls keinen freien Platz mehr. Die Koordinierungsstelle 24/7 in Hamburg bestätigt das. „Seit einigen Wochen ist die Lage so. Wird ein Platz überraschend frei, ist er sofort wieder belegt“, erklärt eine Mitarbeiterin. Bundesweit gebe es einfach zu wenige Plätze. Der angespannte Wohnungsmarkt verschärfe die Lage, weil schutzsuchende Frauen immer länger in den Einrichtungen bleiben müssten.

Die Mitarbeiterinnen des Autonomen Frauenhauses fordern deshalb, dass unverzüglich neue Plätze geschaffen und die kommunalen Wohnungsämter angewiesen werden, diese Frauen bevorzugt in frei werdende Wohnungen zu vermitteln. Denkbar wäre ein „Not-Topf“, aus dem Ferienwohnungen gemietet werden könnten. Die Sozialpolitiker im Land und in Lübeck müssten jetzt schnelle Hilfen auf den Weg bringen, erklärt Kock.

Im November 2017 beschlossen SPD, Grüne und GAL in der Bürgerschaft, dass die Zahl der Frauenhausplätze von 55 auf 69 steigen müsse. Dafür müsse die Verwaltung auf das Land zugehen – wegen der Finanzierung. Kurzfristig solle die Verwaltung Räume anmieten, um die Notlage zu mindern. „Passiert ist noch nichts“, kritisiert Katjana Zunft, Kreisvorsitzende der Linken. „Es dauert ewig, bis wir zu Potte kommen“, sagt Ingo Schaffenberg (SPD), neuer Vorsitzender des Sozialausschusses. „Wir brauchen mehr Frauenhausplätze, aber das Land muss liefern.“ Das sieht der neue sozialpolitische Sprecher der CDU, Carsten Grohmann, genauso: „Wir müssen das Land in die Pflicht nehmen.“

Michelle Akyurt, Sozialpolitikerin und Fraktionschefin der Grünen, fordert dagegen schnellstmöglich ein Notfallkonzept für Lübeck. Akyurt: „Es ist bedauerlich, dass noch nicht gehandelt wurde.“

Sozialsenator Sven Schindler (SPD) kündigt die Eröffnung einer Beratungsstelle „Frauen-Wohnen“ an.

200000 Euro pro Jahr stelle das Land für das Wohnprojekt zur Verfügung, berichtet Aminata Touré, frauenpolitische Sprecherin der Landes-Grünen, die alle 16 Häuser im Land aufsucht. Das Sanierungsprogramm für die 16 Frauenhäuser soll auf 6,3 Millionen Euro aufgestockt werden. Außerdem habe das Kieler Gleichstellungsministerium vorgeschlagen, die Zuschüsse an die Kommunen für die Frauenhäuser zu verdoppeln. Das müsse aber ausgehandelt werden und komme frühestens 2020. Aminata Touré: „Wir Grünen werden das unterstützen.“ Auch Katja Rathje-Hoffmann, frauenpolitische Sprecherin der CDU im Landtag, setzt auf das Wohnraumprogramm. Vier Koordinierungsstellen würden mit Geld ausgestattet, um Wohnungen zu mieten. Rathje-Hoffmann: „Wir hoffen, dass das den Druck von den Frauenhäusern nimmt.“ Beim Sanierungsprogramm wünscht sich die CDU-Politikerin mehr Anträge von den Frauenhäusern. „Da gibt es noch keinen Run“, erklärt Rathje-Hoffmann.

Alle diese Maßnahmen würden „keiner einzigen, verprügelten Frau sofort helfen“, beklagt Anke Kock vom Autonomen Frauenhaus. „Wir sind wieder beim Zustand von 1989 angekommen.“ Damals besetzten die Mitarbeiterinnen vier Monate lang ein Haus in der Kanalstraße. Danach gab es eine neue, größere Unterkunft für das Autonome Frauenhaus.

Zwei Häuser in Lübeck

Am 1. Juli besteht das Autonome Frauenhaus 40 Jahre. Die Zufluchtsstätte startete 1978 in der Hundestraße. Heute ist die Einrichtung auf Marli beheimatet. 40 Plätze hat die Einrichtung, derzeit sind 50 Frauen und Kinder dort untergebracht. Statt Gratulationen wünschen sich Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen Wohnungsangebote.

Das Awo-Frauenhaus hatte 42 Plätze. 2011 strich die CDU-FDP-Landesregierung die Unterstützung zusammen. Das wurde später korrigiert. Heute sind es 15 Schutzplätze.

 Kai Dordowsky

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!