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Lübeck Bald gibt es für Bedürftige mehrere Gratis-Praxen
Lokales Lübeck Bald gibt es für Bedürftige mehrere Gratis-Praxen
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10:47 29.06.2013
Von Michael Hollinde
Zum Team des Gesundheitsmobils gehören auch Dr. Henning Janke (v. l.), Thomas Müller und Maximilian Steinbauer. Quelle: Fotos: Hourticolon, Schülermann
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Lübeck

Immer mal wieder hat Dr. Rolf Tetzlaff-Gahrmann die Bitte in seiner Sprechstunde gehört: „Wir haben Verwandte, die sind nicht krankenversichert. Könnten Sie für die mal ein Rezept ausstellen?“ Oder:

„Wie teuer ist bei Ihnen denn eine Untersuchung, wenn ich bar bezahlen muss?“ Über drei Jahrzehnte lang hatte der pensionierte Allgemeinmediziner in Lübeck eine Hausarztpraxis, „und diese Art der Nöte war durchaus spürbar“, sagt der 69-Jährige. Als er dann von dem Segeberger Projekt „Praxis ohne Grenzen“ seines Kollegen Dr. Uwe Denker erfuhr, fragte er sich, ob man so etwas nicht auch in der Hansestadt auf die Beine stellen könne. Seit Januar 2010 behandelt Denker mit einem ehrenamtlichen Team Patienten unentgeltlich, die Hilfe und Medikamente benötigen, sich beides aber nicht leisten können.

„Als ich mit ihm telefoniert habe, hat er mich dringend ermutigt, dieses Angebot in unserer Stadt zu schaffen“, erzählt Tetzlaff-Gahrmann. Denkers Praxis sei stets überlaufen und habe inzwischen eine rund 50-köpfige Unterstützer- Gruppe zusammen, bestehend aus Ärzten und Arzthelferinnen.

Schätzungsweise ein Prozent aller Deutschen verfügen über keine Krankenversicherung. Allein in Schleswig-Holstein sind das hochgerechnet etwa 25 000 Menschen. Hauptklientel in Bad Segeberg seien Menschen aus dem ins Straucheln geratenen Mittelstand — einst Privatversicherte, die sich ihre Krankenkasse nicht mehr leisten könnten. Zwar könne man freiwillig wieder Mitglied einer Kasse werden, müsse jedoch sämtliche Rückstände seit dem Austritt nachzahlen — für die meisten ein nicht zu bewältigender Schuldenberg, bemerkt Tetzlaff-Gahrmann. Zu den Patienten gehören etwa Ingenieure, Grafiker, Handwerker oder Versicherungsagenten. Aber auch Senioren mit niedriger Rente würde oft das Geld für den Arztbesuch fehlen. „Unterstützung aus der Politik wurde mir schon signalisiert; jetzt bin ich auf Raumsuche“, erklärt der umtriebige Mediziner.

Weiter in der Planung sind bereits die Gemeindediakonie und die Johanniter. Auch sie wollen so ein Angebot schaffen. „Allerdings sprechen wir von einer ,Gesundheitsstation‘, die wir ab dem 10. Juli eröffnen wollen“, sagt Thomas Müller. Der Krankenpfleger ist hauptamtlicher Mitarbeiter des Gesundheitsmobils, das 2007 als rollender Behandlungsraum ins Leben gerufen wurde und in dem jährlich etwa 900 Ratsuchende vorbeischauen. Die „Gesundheitsstation“ im Haus der Diakonie am Mühlentorplatz ist jetzt als zusätzliche Anlaufstelle konzipiert. „Eine stationäre Einrichtung ist einfach unauffälliger, die Hemmschwelle geringer, so dass wir damit noch mehr Menschen erreichen werden“, ist sich Projektleiterin und Sozialarbeiterin Sabine Gritzka sicher.

„Die Idee dazu hatten wir schon lange, jetzt sind wir dank Spenden finanziell so gut aufgestellt, dass wir das Projekt endlich starten können“, fügt sie hinzu. Man sei für jeden da: „für Menschen, die nicht krankenversichert sind, zum Beispiel mit ungesichertem Aufenthaltsstatus, für Menschen, die nicht zum Gesundheitsmobil kommen, weil das für sie vielleicht zu öffentlich ist.“ Auf die Pläne von Tetzlaff-Gahrmann angesprochen, sagt Thomas Müller nur: „Das sind wohl zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Aus der Erfahrung weiß ich, dass der leidende Mittelstand eher nicht zu uns kommt.“

Start ist am 10. Juli
Das Team des Gesundheitsmobils wird am Mittwoch, 10. Juli, von 9 bis 11 Uhr zum ersten Mal die Türen der neuen Gesundheitsstation öffnen. In der festen Einrichtung im Haus der Diakonie am Mühlentorplatz werden sozial Benachteiligte, die nicht krankenversichert sind, beraten und behandelt. In der Sprechstunde, die zunächst einmal in der Woche ist, werden immer ein Arzt und ein hauptamtlicher Gesundheitsmobil-Mitarbeiter anwesend sein. Im Gesundheitsmobil arbeiten derzeit 13 ehrenamtliche Ärztinnen und Ärzte sowie Krankenschwestern und Fahrer.

Michael Hollinde

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