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Lübeck Baustopp an der Synagoge wird weltweit bekannt
Lokales Lübeck Baustopp an der Synagoge wird weltweit bekannt
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21:28 15.08.2016
Die Sanierung der Synagoge in der St.-Annen-Straße ruht seit Mitte Mai. Die weitere Finanzierung ist nicht gesichert. Quelle: Thorsten Wulff

Vor drei Wochen besuchte Dennis Wiener Lübeck und erkundigte sich nach dem Fortgang der Synagogen-Sanierung. „To my absolute horror I saw what appeared to be a derelict building site“, schreibt der Sohn von Kurt Moritz Wiener, der 1937 mit seinen Eltern vor den Nazis aus Lübeck floh. Dennis Wiener, Jahrgang 1947, aufgewachsen in Südafrika und jetzt im israelischen Netanya zu Hause, reagiert fassungslos auf die halbsanierte Synagoge in der St.-Annen-Straße. In einem offenen Brief, der auf Englisch verfasst ist, wendet sich Wiener an den Bürgermeister, die Bürgerschaft und die Bürger von Lübeck.

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Ein Jude aus Israel appelliert in einem offenen Brief an Verwaltung und Politik, sich ihrer historischen Verantwortung zu stellen.

„Das Gebäude ist eine leere Hülle ohne Fußboden und absolut ungeeignet für Gottesdienstbesucher“, schreibt Wiener. Aus Gesprächen mit Vertretern der Jüdischen Gemeinde weiß der Israeli, dass derzeit niemand wisse, wie die Sanierung fertiggestellt werden könne. „Niemand übernimmt die Verantwortung dafür“, kritisiert der Nachfahre einer Familie, die 300 Jahre in der Hansestadt verwurzelt war. Die Vorstellung, dass jüdische Organisationen die weitere Finanzierung der Sanierung übernehmen, empfindet Wiener als absurd. Das sei eine Respektlosigkeit der Lübecker und ihrer Politiker gegenüber ihren früheren Mitbürgern, die von den Nazis vertrieben oder ermordet worden seien. Während die Stadt die im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirchen und anderen historischen Gebäude wiederaufgebaut habe, werde das Schicksal der Synagoge vernachlässigt. Es gebe eine moralische Verantwortung der Deutschen, das, was sie zerstört hätten, auf eigene Kosten wieder herzustellen. Wiener appelliert an das Gerechtigkeitsempfinden der Lübecker. Außerdem könne die Stadt von einer sanierten Synagoge auch profitieren, die eine „gewaltige Zugnummer für das Tourismusgewerbe“ sein könnte.

Wiener, der vor drei Jahren bei der Verlegung von drei Stolpersteinen zur Erinnerung an seine Familie in Lübeck weilte, hat den offenen Brief nach eigenen Angaben breit verteilt und unter anderem an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), das Simon-Wiesenthal-Institut, die Carlebach-Foundation, den Jüdischen Weltkongress, die Elie-Wiesel-Stiftung und die englischsprachige Zeitung „Jerusalem Post“

geschickt.

Seit Mitte Mai ruhen die Bauarbeiten in dem Gotteshaus, weil die weitere Finanzierung nicht mehr sichergestellt ist (LN berichteten). Die Possehl-Stiftung und der Bund haben die Förderung eingestellt. Die 6,3 Millionen Euro teure Sanierung ist erst zur Hälfte fertig. Zur Zeit bemühen sich Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) und das Kieler Kulturministerium um eine Lösung, damit das Gotteshaus wenigstens winterfest wird.

 Kai Dordowsky

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