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Beatrix von Storch: Frontfrau mit offenem Visier

Lübeck Beatrix von Storch: Frontfrau mit offenem Visier

Die Ostholsteinerin Beatrix von Storch mehrt in Brüssel und Berlin ihren Einfluss in der AfD.

Verliert selten die Contenance: Beatrix von Storch in Berlin am Abend der Landtagswahlerfolge der AfD in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt. 

Quelle: dpa

Lübeck. Während die Alternative für Deutschland in Schleswig-Holstein auf ihrem Landesparteitag gestern um ihre Führungsstruktur rang, zeigt eine Ostholsteinerin, dass in der AfD auch jenseits des „wahren Nordens“ mit ihr zu rechnen ist: Beatrix von Storch, gebürtige Lübeckerin, in Kisdorf und Kaltenkirchen zur Schule gegangen, sitzt seit zwei Jahren für die AfD im EU-Parlament. In Berlin ist sie seit Januar Landesvorsitzende der AfD, der sie auf Bundesebene auch als Vize-Vorsitzende dient.

Die Karriere in der AfD ist in der Tat eine steile – neu in der politischen Arena ist Beatrix von Storch allerdings keineswegs. Seit rund 20 Jahren ficht die 44-jährige Tochter aus dem Haus Oldenburg, das bis 1918 Hochadelsprivilegien genoss, auf allen modernen Medienkanälen und verschiedenen Plattformen für ihre Agenda, die Kritiker „reaktionär“ nennen, sie selbst gegenüber den LN aber als „patriotisch“ und „liberal“ bezeichnet.

Seit Studententagen kämpft Juristin von Storch gegen Abtreibung, gegen „Gender-Mainstreaming“, die ihrer Ansicht nach unangebrachte völlige Gleichstellung von Mann und Frau; für die Rückgabe einst in der sowjetischen Besatzungszone enteigneten Grundbesitzes. In der Eurokrise kam der Kampf gegen Brüssels Rettungspakete dazu, der von Storch 2013 schließlich zur AfD brachte.
Der tiefen EU-Skepsis ist die gut vernetzte „Kampagnera der AfD“ („tagesschau.de“) treu geblieben: Es werde immer behauptet, dass die Größe eines Landes über den Erfolg entscheide, so von Storch zu den LN: „Das ist aber durch nichts belegt. Schauen Sie sich erfolgreiche Nationen wie die Schweiz oder Norwegen an. Das sind kleine Länder mit großem Wohlstand.“
Den „ursprünglichen Ansatz in Europa“ finde sie durchaus richtig: „Lasst uns gemeinsam Handel treiben und uns frei begegnen. Der elitäre Drang nach einem Superstaat Europa aber bringt uns nicht zueinander, sondern baut neue Spannungen auf. Wir müssen einen Schritt zurückgehen, um vorwärts zu kommen“, lautet ihr Credo.
Das hat sie inzwischen im EU-Parlament aus ihrer bisherigen „Fraktion Europäische Konservative und Reformer“ (EKR) in die „Fraktion Europa der Freiheit und der direkten Demokratie“ (EFDD) getrieben, in der die Schwedendemokraten ebenso sitzen wie die britischen Europa-Gegner von Ukip.

Aber auch eine punktuelle Zusammenarbeit mit dem französischen Front National – von ihr als „nationalistisch“ und „sozialistisch“ bezeichnet – schließt sie wie Parteifreund Alexander Gauland offenbar nicht aus: Fraktionen im EU-Parlament seien „Zweckbündnisse, die wir nicht überbewerten müssen. Und bei Abstimmungen geht es um das Thema, die Sache – nicht um die Fraktion.“ So habe die EFDD  „gerade in einer Abstimmung im Ausschuss zusammen mit der FPÖ für Bürgerrechte abgestimmt. Man kann zusammen agieren, wenn es eine richtige Sachentscheidung ist. Dazu benötigt es keine gemeinsame Fraktion.“

Die FPÖ gehört zum „Bündnis der Souveränisten“, das FN-Chefin Marine Le Pen ausrief und für das sie auch die Partei für die Freiheit (PVV), die Lega Nord und den Vlaams Belang gewinnen konnte.

Beatrix von Storch, aufgewachsen im Glanz einer versunkenen Zeit – auf dem Familiensitz Schloss Güldenstein nennt das Personal die Oldenburgs „Hoheit“, ihren Mann Sven ehelichte sie in der Eutiner Schlosskapelle – kämpft für ihre Sache meist mit offenem Visier.
Als Parteichefin Frauke Petry den Gebrauch der Schusswaffe an der Grenze in einem Interview offenbar nicht ausschließen wollte, sprang sie ihr bei, indem sie auf eine entsprechende Frage auf Facebook mit „Ja“ antwortete. Hinterher soll alles ein großes Missverständnis gewesen sein – Petry und der AfD-Vorstand ruderten zurück, nannten von Storchs Stellungnahme „katastrophal“ – die fühlte sich düpiert und stand mit ihrer später von ihr dementierten Erklärung im Regen, sie sei „auf der Maus abgerutscht“. Der genaue Sachverhalt ist kaum zu ermitteln – auch nicht, ob ihre Differenzierung, auf Kinder dürfe nicht geschossen werden, auf Frauen unter Umständen schon, da sie „verständig“ seien, ebenfalls ein unbeabsichtigtes Versehen war.

Es blieb jedenfalls an ihr hängen. Manchmal fliegt ihr für derlei eine Torte ins Gesicht, ihr Auto wurde angezündet. „Wer die Hetze gegen die AfD mitgemacht hat und sich jetzt nicht scharf davon distanziert, der ist Mitschuld“, erklärte sie seinerzeit.

Sie redet professionell mit den Medien, wobei sie die öffentlich- rechtlichen für verzichtbar hält. „Die völlige Ergebenheit der politischen Korrektheit gegenüber, der Parteieneinfluss und die ausufernde finanzielle Versorgung haben dafür gesorgt, dass sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk in weiten Teilen von der Lebenswelt der Bürger abgekoppelt hat“, lautet ihre Begründung gegenüber den LN. Und: Wenn es nach ihr ginge, „dann schaffen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ab. Wir leben doch auch recht gut ohne öffentlich-rechtliche Zeitung.“ 

Die AfD: Blitzstart führte bisher in neun Parlamente

Die „Alternative für Deutschland“ ist eine ebenso junge wie erfolgreiche Partei – aber auch eine, in der verschiedene Strömungen um Dominanz ringen. Politikwissenschaftler stufen sie meist als rechtspopulistisch ein. Gegründet wurde sie am 6. Februar 2013 als politisches Instrument für Gegner der Euro-Rettungspolitik der Bundesregierung. Federführend dabei war das zunächst bekannteste Gesicht der Partei, der Hamburger Wirtschaftswissenschaftler Bernd Lucke. Er bildete bis zu einem Parteitag im Juli 2015 zusammen mit Frauke Petry und Konrad Adam den Bundesvorstand der Partei. 

Bei einer Kampfabstimmung auf dem Treffen unterlag Lucke seiner Rivalin Petry, die seither mit Jörg Meuthen gleichberechtigt den Vorsitz führt. Die AfD gewann bei der Europawahl 2014 erstmals überregionale Mandate. Im selben Jahr zog sie in die Landesparlamente von Sachsen, Brandenburg, Thüringen ein, ein Jahr später in jene von Hamburg und Bremen sowie 2016 auch in die Landtage von Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland- Pfalz.

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