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Lübeck Bei Wind und Wetter zur Mai-Demo
Lokales Lübeck Bei Wind und Wetter zur Mai-Demo
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21:45 29.04.2016
Jung und Alt, Frau und Mann, Azubi, gestandener Arbeiter und Rentner wollen am Sonntag, 1. Mai, die traditionelle Kundgebung der Gewerkschaften auf dem Markt besuchen. Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat

Grita Lübeck (89)

Rentnerin Grita Lübeck.

„Ich bin seit 1947 jedes Jahr dabei, nur einmal konnte ich nicht, da lag ich im Wochenbett“, erzählt die gebürtige Lübeckerin. Die frühere Bürgerschaftsabgeordnete der SPD kann sich noch an mehrere Tausend Menschen am 1. Mai auf dem Markt erinnern. „Fünf Züge kamen sternnförmig zum Markt“, erzählt die Metall-Gewerkschafterin. Ob Sonne, Wind, Regen oder gar Schnee — wer damals nicht auf dem höchsten Fest der Arbeiter zugegen war, wurde tags darauf in der Firma schräg angeguckt. Große Themen waren damals Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Arbeitszeiten — Lübeck hat noch 48 Stunden in der Woche geschuftet —, der Mutterschutz und das Betriebsverfassungsgesetz. „Austreten — das gab‘s nicht“, erzählt die 89-Jährige, „auch wenn man sich mal geärgert hat.“ In den letzten zehn Jahren habe die Beteiligung am 1. Mai nachgelassen. Grita Lübeck: „Den typischen Handarbeiter gibt es ja nicht mehr.“

Annika Dobberschütz (21)

Annika Dobberschütz.

Erst einmal hat die gebürtige Bad Segebergerin am 1. Mai demonstriert, das war im vergangenen Jahr. „Wir haben einen Mojito-Stand aufgebaut, wir wollten etwas Frisches in die Veranstaltung bringen“, erzählt Annika Dobberschütz. 2013 startete sie ihre Ausbildung zur Industriekauffrau bei Dräger. Gewerkschaftliches Engagement wurde ihr nicht in die Wiege gelegt. Seit 2014 arbeitet sie in der Jugendvertretung mit, ein Jahr später trat sie der IG Metall bei. Die alte Gewerkschaft sei moderner als viele glaubten, versichert die 21-Jährige. „Die Internetseite der IG Metall wird gut gepflegt, die Gewerkschaft ist auch bei Facebook.“ Ihre Freunde würden positiv auf ihr gewerkschaftliches Engagement reagieren, aber natürlich müsse sie sich auch so manchen Spruch anhören. Von den 294 Dräger-Azubis halten sich die meisten zurück. Annika Dobberschütz: „Viele wissen gar nicht, was die Gewerkschaft macht.“

Julia Krause (22)

Azubi Julia Krause.

Sie war schon als Baby dabei. „Ich komme aus einem Gewerkschaftshaushalt“, sagt Julia Krause, „Vater, Mutter, Bruder — alle um mich herum sind bei der Gewerkschaft.“ Den 1. Mai hat sie nur im vergangenen Jahr verpasst, und schon heute ist ihr klar, „dass ich bis ins hohe Alter hingehen werde“. Die 22-Jährige, die in Nordrhein-Westfalen zur Welt kam, in Oldenburg eine Ausbildung zur kaufmännischen Assistentin für Fremdsprachen absolvierte und jetzt gern zur Bundespolizei gehen würde, schwärmt „von dem unglaublich euphorischen Gefühl“, wenn sich Hunderte auf dem Markt treffen.

„Man spürt die historische Bedeutung.“ Das gehe vielen jungen Menschen anders, räumt sie ein. Als 2. Vorsitzende des Bezirksjugendverbandes Verdi Lübeck-Ostholstein hat Julia Krause viele Kontakte zu Azubis. Deren größte Angst sei, „dass sie nach der Ausbildung nicht übernommen werden“.

Heiko Zschäpe (42)

Arbeiter Heiko Zschäpe.

Erster Tag in einer Tischlerei. Lehrling Zschäpe wird von den Gesellen der Gewerkschaftsantrag auf den Tisch gelegt. „Unterschreib das mal, wir sind alle drin“, bekam er zu hören.

Gewerkschaftsmitglied — das sei in kleineren Betrieben damals selbstverständlich gewesen. Heute ist Zschäpe der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende der Firma Brüggen und Mitglied der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG). „Seit der Lehre gehe ich immer zur Mai- Kundgebung“, erklärt der 42-jährige Familienvater, „für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, Flagge zu zeigen.“ Am 1. Mai auf dem Markt trifft er allerdings nur wenige Kollegen. „Der Arbeiterkampftag ist immer ein Gesprächsthema, aber viele Kollegen wollen lieber einen freien Tag haben.“ Heiko Zschäpe ist überzeugt, dass die Tradition nicht nur überleben wird, sondern dass die Beteiligung auch wieder wachsen wird.

Dieter Krause (66)

„Mein Vater hätte sich geweigert, meinen Lehrvertrag zu unterschreiben, wenn ich nicht gleichzeitig in die Partei und die Gewerkschaft eintrete“, erinnert sich der gebürtige Bremer an seine gewerkschaftliche Prägung. Damals war Dieter Krause, Vater von Julia Krause, 18 Lenze jung. In der Partei, der SPD, ist er nicht mehr. „Aus der Gewerkschaft bin ich nie ausgetreten.“ Sie wurde vielmehr zur beruflichen Heimat. Der studierte Jurist wurde 1978 hauptamtlicher Mitarbeiter der ÖTV, die dann in der großen Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di aufging. Bis vor zwei Jahren arbeitete er als Rechtsschutzsekretär, jetzt macht er ehrenamtlich weiter — im Bezirksvorstand Küste. Der 66-Jährige, der auch im Urlaub und unterwegs nie eine 1. Mai-Kundgebung verpasste, begrüßt Neuerungen in der Gewerkschaftsarbeit. „Einen Flash-Mob und die sozialen Netzwerke finde ich gut“, sagt Dieter Krause.

DGB-Fest: Es hagelt Absagen

Der DGB-Stadtverband nimmt seinen umstrittenen Beschluss zum Familienfest nicht zurück. Nur Parteien, die in der Bürgerschaft vertreten sind und einen aktiven Arbeitnehmerflügel haben, dürfen dieses Jahr teilnehmen. Das schließt kleinere Parteien aus. Jetzt hagelt es Absagen. „Wir erklären uns mit anderen Vereinen und Parteien solidarisch und nehmen nicht am Fest teil“, erklärt der Verein „Fairvereinen“. Die Linke bedauert „die Selbstausgrenzung des DGB“. Der Gewerkschaftsbund würde die Solidarität unter Parteien und Verbänden aufkündigen. „Daher haben wir uns entschieden, die Teilnahme abzusagen.“ Als antikommunistisch kritisiert die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands die Entscheidung.

Lüder Möller: „Das richtet sich in erster Linie gegen MLPD und DKP.“ DGB-Regionsgeschäftsführerin Juliane Hoffmann hat in einem Schreiben erklärt, dass es nicht um den Ausschluss „kleiner, linker Gruppierungen“ gehe.

Sonntag startet der Demonstrationszug um 10 Uhr am Gustav-Radbruch-Platz, die traditionelle Kundgebung findet um 11 Uhr auf dem Markt statt. Es reden Juliane Hoffmann (DGB), Daniel Friedrich (IG Metall), Dirk Himmelmann (NGG) und Jörg Wilczek (Verdi).

Von dor

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