Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Beisammensein in schweren Zeiten
Lokales Lübeck Beisammensein in schweren Zeiten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:41 29.12.2017
„Es ist ein wirkliches Zuhause auf Zeit“, sagt Carmen Stalljann (35), die mit Andrea Dester, Kim-Oliver, Sarah und Killian Schmidt sowie Jana Martensen und deren Töchterchen Meena (v. l.) am Tisch sitzt. Quelle: Fotos: Lutz Roessler

Es ist 19.30 Uhr an diesem Donnerstag zwischen Weihnachten und Silvester. Die lange Tafel im Foyer des Ronald McDonald Hauses ist festlich gedeckt, im Kamin knistert ein gemütliches Feuer, Kathrin Kahlcke-Beall (61) zündet zusätzliche Kerzen an. Gemeinsam mit den ehrenamtlichen Helferinnen Peggy Frohberg (46), Andrea Ott (59) und Larissa Motzkus (39) hat die Leiterin des Hauses ein Drei-Gänge-Menü zubereitet: Lachsroulade mit Feldsalat, Hähnchenkeule, Kartoffelgratin und glasierte Möhrchen, als Dessert gibt es geeisten Zimtstern auf Beerenspiegel.

Alle zwölf Familien-Apartments im Ronald McDonald Haus sind belegt. Die Zeit zwischen den Jahren verbringen viele Familien im Bangen um ihre Kinder auf dem Klinikgelände. Da tut es gut, einen Abend die Woche bekocht zu werden und im Foyer des Hauses zusammenzukommen.

Gekocht und eingedeckt ist für 22 Personen, „aber es könnten mehr werden – oder auch weniger“, sagt Kahlcke-Beall. Auf eine Anmeldung zum Essen verzichte man bewusst, „denn wir wollen unsere Gäste nicht unter Druck setzen.“ Druck haben sie ohnehin genug, denn sie alle haben schwer kranke oder zu früh geborene Kinder in der Klinik und pendeln zwischen Krankenstation und Ronald McDonald Haus.

Einen Abend pro Woche sollen sie es sich gutgehen lassen, werden bekocht und bedient. Finanziert wird das seit Jahren vom Lions Club Lübeck Hanse.

Der erste Gast des Abends kommt allein: Andrea Dester aus Oldenburg musste ihren Sohn Oskar in der 33. Schwangerschaftswoche entbinden. „Er war unterversorgt“, sagt die 35-Jährige. Das ist jetzt drei Wochen her. „Zunächst war es kritisch, doch jetzt macht er sich gut – er trinkt gut und hat sein Gewicht von 1900 auf 2140 Gramm gesteigert.“ Die junge Mutter ist froh, dass sie in der Nähe des Kleinen sein kann. „Super, dass es so etwas wie das Ronald McDonald Haus gibt, das macht einiges leichter“, sagt sie. Dennoch hofft sie, dass sie bald ihren Jüngsten mit nach Hause zu seinem Papa und den beiden großen Brüdern Benedict (12) und Felix (8) nehmen kann.

Während die fleißigen Gastgeberinnen in der Küche die Vorspeise anrichten, füllt sich die lange Tafel nach und nach. Es wird lebhaft, als Killian und Meena (beide drei) mit ihren Müttern an den Esstisch kommen. Die Kleinen begrüßen sich, die Eltern tauschen Erfahrungen aus, jeder scheint sich über jedes Gramm zu freuen, das ein Frühgeborenes einer anderen Familie an Gewicht zugelegt hat.

Inzwischen sitzen 15 Gäste am Tisch. Die meisten kommen aus dem hohen Norden Schleswig-Holsteins, haben in Lübeck ein Zuhause auf Zeit gefunden. Alle wirken offen und zuversichtlich, es wird auch mal gelacht. Nur wer genau hinsieht, entdeckt, wie ab und an ein Schatten übers Gesicht einer Mutter oder eines Vaters huscht.

Killian quengelt ein wenig, wirkt müde, doch als er im Hauptgang – dem Hähnchen – einen „Dinosaurierknochen“ entdeckt, ist für den Moment alles gut. Seine Eltern Kim-Oliver (44) und Sarah Schmidt (30) aus Harrislee haben in den vergangenen Wochen einiges durchgemacht. Killians Brüderchen wurde in der 27. Schwangerschaftswoche geboren. „Erst war alles okay, dann bekamen wir einen Anruf, wir müssten ihn nach Lübeck verlegen, weil irgendwas mit seinem Darm nicht in Ordnung sei“, erzählt Sarah Schmidt. Der kleine Jonathan wurde operiert, ohne dass etwas gefunden wurde, er bekam einen künstlichen Darmausgang, dann eine Blutvergiftung und anschließend eine weitere Operation. „Aber er ist ein Kämpfer“, sagt Sarah Schmidt und lächelt. Dafür, dass sie hier im Ronald McDonald Haus bleiben können, seien sie dankbar. „Es ist nicht bedrückend, alle haben eine lockere Art“, sagt ihr Mann Kim-Oliver.

Keiner der Gäste an diesem Abend möchte sein Kind lange allein lassen, alle wissen, wie wichtig Liebe und Wärme von Geschwistern und Eltern sind. Deshalb kommt Meenas Papa Gerd Martensen (39) auch etwas später zum Abendessen: Er hat noch in der Klinik mit Meenas kleiner Schwester Carlee gekuschelt. Sie kam zehn Wochen zu früh auf die Welt und hat eine dramatisch vergrößerte Leber und Milz.

Genau daran war ihr erstes Kind, ein kleiner Junge, 2012 gestorben. „Die ersten drei Tage waren kritisch“, sagt Mutter Jana Martensen (35). Doch jetzt sei man zuversichtlich. Sie und ihr Mann finden es toll, „dass wir hier sein können, denn man kommt einfach mal auf andere Gedanken“.

Ja, das geht, denn beim Essen wird nicht nur über die Sorgen und Nöte gesprochen. Kathrin Kahlcke-Beall und ihre Helferinnen servieren den geeisten Zimtstern, der ganz nach dem Geschmack des kleinen Killian ist, und dann geht der Abend ganz langsam zu Ende. Alle Gäste versichern, dass sie optimistisch ins neue Jahr schauen. „Das müssen wir ja auch“, sagt Gerd Martensen, „denn ein Kind, das vom Himmel aus auf uns aufpasst, ist genug.“

Das Haus

1999 wird das Ronald McDonald Haus auf dem Gelände der Uniklinik eröffnet. Es bietet in zwölf Apartments Familien schwer kranker Kinder mehr als eine Unterkunft: ein Zuhause auf Zeit. Wenige Hauptamtliche und viele Ehrenamtliche (sind stets gesucht) kümmern sich um das Wohl der Familien.

Regelmäßig gibt es Wohlfühl-Angebote für die Familien – Frühstücke und die donnerstags stattfindenden Abendessen. Seit zehn Jahren übernehmen Mitglieder des Lions Club Lübeck Hanse einmal im Monat das Kochen, die Waren für die anderen Angebote zahlen sie generell.

Sabine Risch

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Seniorenakademie an St. Marien startet mit einem umfassenden Programm in das erste Semester 2018. Offiziell eröffnet wird es mit einem Gottesdienst am Donnerstag, 11. Januar, um 16 Uhr in der Marienkirche. Gestaltet haben ihn Mitglieder des Beirates der Seniorenakademie.

29.12.2017

Das Projekt Sprachpartnerschaften der Gemeindediakonie Lübeck leistet mit seinen Ehrenamtlichen einen wertvollen Beitrag zur Integration von Migrantinnen und Migranten. Die Possehl-Stiftung fördert das Projekt weiter, doch es werden dringend neue Sprachpartner gesucht.

29.12.2017

Im Rathaus ist es Tradition: Zum Jahreswechsel schickt der Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) seit 18 Jahren seinen 4000 Mitarbeitern eine Gruß. Diesmal geht es um die Finanzlage, die Baustellen, die digitale Verwaltung – und seine große Abschiedparty in der Musik- und Kongresshalle (MuK).

29.12.2017
Anzeige