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Lübeck Bergauf geht es erst nach dem Tiefpunkt
Lokales Lübeck Bergauf geht es erst nach dem Tiefpunkt
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23:14 13.11.2017
Ob Zuhause oder im Berufsleben: Wer süchtig ist, findet überall einen Weg, Alkohol zu trinken. Quelle: Foto: Margitta True
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Lübeck

Als graue Maus sitzt sie an der Wand und wird von niemandem zum Tanzen aufgefordert. Elke S. (Name geändert) ist 15 Jahre alt, als sie den ersten Alkohol ihres Lebens trinkt: ein Glas Sekt. Dann noch eines. Und plötzlich fühlt sich alles so anders an. So leicht und beschwingt, dass sie sich auf die Tanzfläche traut. Das war ihr Einstieg in den Alkoholismus.

Mit 27 ist Elke trocken. Dazwischen liegt ein schwerer Leidensweg, den später auch Ehemann und Kind mitgehen müssen. „Das war mein Motiv aufzuhören: Ich wollte endlich mal Mutter sein.“

Wer zu viel trinke, wolle emotionale Lücken füllen, berichten Elke S. (62) und Peter M. (74, Name geändert) von der Lübecker Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker. Gründe sind zu wenig Anerkennung und Akzeptanz. Die soziale Kontrolle fehle oft in der Zeit, in der eine Umkehr noch möglich wäre. „Trinken ist gesellschaftsfähig und wird allgemein akzeptiert.“

Der Übergang in die Abhängigkeit geschehe dann unbemerkt, selbst die nähere Umgebung bekommt die Eskalation der Krankheit anfangs meist nicht mit, schildert Peter M.: „Alkoholiker sind hundertprozentige Schauspieler.“ Ständig müssten sie koordinieren. Wo ist noch mal das Geld für Alkohol versteckt, wo das Leergut? Wem habe ich was erzählt? Situationen, die Betroffene kennen, „ganz gleich, was sie beruflich machen und welchen sozialen Hintergrund sie haben“. Auch Jugendliche finden in die Gruppen. „Alkohol bietet sich ja immer und überall als scheinbarer Problemlöser an.“

Elke S. schildert ihren ersten Besuch eines Meetings als das ersehnte Gefühl von Zugehörigkeit: „Endlich wurde ich verstanden. Die haben doch tatsächlich zu mir gesagt: Schön, dass du da bist.“ Und das ist das Ziel, das die 1935 gegründete, mittlerweile in 170 Ländern vertretene Gemeinschaft erreichen will: Hilfe durch Erfahrungsaustausch, „das Gefühl der Gemeinschaft und der Freundschaft“, um den Zwang zum Trinken zu durchbrechen.

In den geschlossenen Gruppen treffen sich nur Betroffene. Sie bleiben anonym, nennen nur ihren Vornamen. Gesprochen wird über die Krankheit und ihre Verästelungen in alle Lebensbereiche. Eine Anmeldung ist nicht notwendig. Die einzige Bedingung der Gemeinschaft ist der Wunsch, die „nasse Zeit“ zu beenden und trocken zu werden.

Dieser Wunsch entstehe jedoch erst nach dem persönlichen Tiefpunkt, so Elke S. Bei ihr war es die Demütigung, als ihr Mann die Flaschen im Schrank findet. Es folgt der versprochene Arztbesuch und die Diagnose, die sie zufällig mithört: „Sie ist Alkoholikerin.“ Das sei ein Schock gewesen, sagt sie heute, „das war meine Kapitulation“.

Peter M. hat als 15-jähriger Lehrling angefangen, Alkohol zu trinken. Er ist stolz, sich in der rauen Berufswelt zu behaupten und in die Gruppe der Männer aufgenommen zu werden. Es wird viel getrunken, er hält mit. Jahrzehnte später sagt Peter M. in der Gruppe immer noch, nachdem er seinen Vornamen genannt hat: „Ich bin Alkoholiker.“ Denn das sei man ein Leben lang. Nur phasenweise die Meetings zu besuchen, sei daher ausgesprochen riskant, mahnt er. „Ich gehe zu den Anonymen Alkoholikern, so lange ich nicht trinken will.“

Ein typisches Verhalten in der Gesellschaft müsse sich dringend ändern, sagen Elke S. und Peter M.: „Bei der Zigarette wird sofort ein Nein akzeptiert, aber beim Alkohol wird nachgefasst: Einen kannst du doch noch und ähnliche Sprüche.“ Dieses Drängen gefährde vor allem jüngere Menschen. Denn der erste Schritt zur Genesung, zum Stillstand der Krankheit sei, so lautet die Empfehlung der Anonymen Alkoholiker: „Lass heute das erste Glas stehen.“

1,8 Millionen Alkoholabhängige

Seit 50 Jahren gibt es die Anonymen Alkoholiker auch in Lübeck mit Meetings in der Innenstadt und in den Stadtteilen, geschlossene für Betroffene und offene mit Angehörigen. Kontakt per E-Mail an aa-luebeck@anonyme-alkoholiker.de oder telefonisch unter 0451/19295. Die Anonymen Alkoholiker erheben weder Beiträge noch Gebühren, die Gemeinschaft erhält sich durch eigene Spenden. Weitere Informationen gibt es unter www.anonyme-alkoholiker.de. Hier gibt es zudem für dringende Fälle einen Erste-Hilfe-Button. Innerhalb einer halben Stunde gibt es eine Rückmeldung, rund um die Uhr.

9,6 Liter reinen Alkohol trank jeder Deutsche im Schnitt im Jahr 2015, berichtet die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen.

3,4 Millionen Menschen hatten laut der Statistik 2015 mit einem Alkoholproblem zu kämpfen, knapp 1,8 Millionen von ihnen waren alkoholabhängig.

Margitta True

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