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Lübeck Betriebe wollen wachsen - aber Lübeck gehen die Flächen aus
Lokales Lübeck Betriebe wollen wachsen - aber Lübeck gehen die Flächen aus
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20:33 15.10.2016
„Wir haben eine extreme Nachfrage – wie noch nie in den letzten 16 Jahren.“KWL-Geschäftsführer Dirk Gerdes
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Lübeck

Ein Industrieunternehmen im Gewerbegebiet Roggenhorst will expandieren, kann aber am Standort nicht wachsen. „Wir haben dort keine freien Flächen mehr“, sagt Dirk Gerdes, Chef der Wirtschaftsförderung und des Koordinierungsbüros Wirtschaft in Lübeck (KWL). Roggenhorst ist zu 100 Prozent ausgebucht. Gerdes: „Wer dort erweitern will, muss hoffen, dass sein Nachbar wegzieht – und die Grundstücke kaufen.“

Es gab Zeiten, da jammerten Lübecks Wirtschaftsförderer über die Konkurrenz im Osten. Längst vorbei. „Landauf, landab werden die Gewerbeflächen knapp“, weiß Gerdes. Das sei die Folge einer politischen Entscheidung, bei der Ausweisung von Gewerbegrundstücken schonend mit dem Flächenverbrauch umzugehen. Zugleich brummt die Wirtschaft. Lübeck erlebe seit eineinhalb Jahren eine Nachfrage nach Flächen wie schon seit langem nicht mehr, bestätigt Wirtschaftssenator Sven Schindler (SPD). Immer mehr Industriebetriebe seien darunter. Inzwischen würden manche Anfragen sogar abgelehnt.

Recyclingbetrieben mit Lärm und wenigen Mitarbeitern oder einem Betonsteine-Hersteller hat die KWL abgesagt.

Schindler und Gerdes machten jetzt im Wirtschaftsausschuss der Bürgerschaft klar, dass die Absage der Schwartauer Werke kein Weltuntergang sei. Eher fast ein Glücksfall. Denn die Hansestadt hat kaum noch Flächen. 31,5 Hektar stehen noch zur Verfügung. Zwischen 2010 und 2016 gingen 207 Anfragen von Unternehmen ein, 82 Ansiedlungen oder Erweiterungen wurden realisiert. 71,5 Hektar waren damit weg.

54 weitere Firmenwünsche stehen auf der Liste von KWL und Wirtschaftsförderung. Werden die umgesetzt, sind weitere 105 Hektar weg. „Unsere Vorräte sind aufgebraucht“, sagt Gerdes. Zumal nicht nur die Zahl der Anfragen stark gestiegen sei, sondern auch die gewünschten Flächen immer größer würden. 30000 bis 80000 Quadratmeter wollen Firmen am Stück kaufen. Dabei handelt es sich zu 61 Prozent um Erweiterungen von bereits ansässigen Unternehmen, 39 Prozent wollen von außerhalb kommen.

Am Skandinavienkai und auf dem Metallhüttengelände hat Lübeck nur noch Grundstücke von 20000 Quadratmetern zu bieten. Flächen am Flughafen sollen dem Unternehmen Euroimmun zur Verfügung gestellt werden, „damit es dort wachsen kann“, erklärt der oberste Wirtschaftsförderer. Der stark expandierende 3-D-Druck- Spezialist SLM Solutions wolle in Genin-Süd weitere Flächen kaufen, sobald Mitte 2017 über den Verkauf an ein US-Unternehmen entschieden sei. Gerdes: „Dann ist Genin-Süd komplett ausverkauft.“

Der Ausweg: Südlich der A 20 soll beidseitig der Kronsforder Landstraße ein 75 Hektar großes Gelände entwickelt werden. Die KWL muss dafür rund 20 Millionen Euro investieren, die Grundstücke sollen 75 bis 80 Euro je Quadratmeter kosten. Die KWL hat bereits etliche Flächen von Landwirten aufgekauft, aber einige liegen außerhalb des zukünftigen Gewerbegebietes. Gerdes: „Wir müssen Flächen mit den Landwirten tauschen.“ Der KWL-Chef rechnet damit, dass dieses Gebiet 2019 auf den Markt gehen kann. Bis dahin muss die Verkehrsanbindung gelöst werden. Geplant ist zunächst ein Durchstich der Straße Wasserfahr zwischen Kronsforder Landstraße und der Baltischen Allee. Gerdes: „Am Ende des Tages aber brauchen wir eine Autobahnanbindung.“ Wer das bezahlen soll, ist ungeklärt. Gerdes hofft auf den Bund. „Aber Land, Stadt und KWL werden das wohl vorstrecken müssen.“

Vor allem Dienstleister

3156 neue Arbeitsplätze schufen Unternehmen, die sich von 2010 bis 2016 auf städtischen Flächen ansiedelten oder erweiterten. Nur 8,1 Prozent wurden durch neue Betriebe eingerichtet.

31 Prozent der Firmen, die diese Flächen kauften, sind Dienstleister, 18 Prozent sind Produktionsbetriebe, je zehn Prozent kommen aus Handel und Handwerk, sechs Prozent aus dem Großhandel, zwölf Prozent aus der Logistik, der Rest aus sonstigen Branchen.

 Kai Dordowsky

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