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Lübeck Bornkamp – ein Jahr danach
Lokales Lübeck Bornkamp – ein Jahr danach
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10:51 15.11.2016
Nachbarn: Die Ehrenamtlerinnen Marianne Samstag (46, 2. v. r.) und Bente Heldmann (40, 2. v. l.) mit den Flüchtlingen Mohamad al Abed (54, r.), Leyla Baraka (30) und einem weiteren Bewohner des Containerdorfes am Bornkamp. FOTO: WOLFGANG MAXWITAT (2), HANNO KABEL

Das syrische Ehepaar Raed Tezini (40) und Khitan Omiera (35) lebt seit fünf Monaten in einem Container am Rand der Siedlung Bornkamp. Die beiden Kinder gehen zur Schule, und ein drittes ist unterwegs. Sie lernen Deutsch, die Ehrenamtler aus der Umgebung helfen ihnen, mit dem deutschen Alltag zurechtzukommen. Noch nie hat die Familie davon gehört, dass es im vergangenen Jahr um das Gelände, auf dem sie jetzt lebt, eine der erbittertsten Kontroversen der jüngeren Lübecker Geschichte gab.

Eine Bürgerinitiative verhinderte ein großes Erstaufnahmelager am Bornkamp – Stattdessen kam ein kleineres Flüchtlings-Containerdorf – Jetzt sind alle bemüht, den alten Streit zu begraben.

„Es ist wahrscheinlich der Standort, an dem es das meiste Engagement von Ehrenamtlern gibt.“ André Weidmann, Gemeindediakonie

Ein Erdwall trennt das Containerdorf von der Siedlung. Dahinter sieht man die Dächer der Einzelhäuser. Ein Junge fährt mit dem Fahrrad zwischen den Reihen aus grauen und schwedisch-roten Containern mit Satteldächern herum. Es ist still. Der Wall war einmal aufgeschüttet worden, um den Lärm des geplanten Sportplatzes von den Anwohnern fernzuhalten. Aber von dem Sportplatz ist schon lange keine Rede mehr. Jetzt wohnen hier 157 Flüchtlinge.

Das Land Schleswig-Holstein war im Frühjahr 2015 auf der Suche nach einem Standort für ein Erstaufnahmelager in Lübeck. Die Fläche am Rand der Siedlung Bornkamp schien geeignet: ein unbebautes Gelände im städtischen Eigentum. Doch die Anwohner wehrten sich – und das unerwartet heftig. Sie gründeten eine Bürgerinitiative mit dem Namen „Neue Heimat Bornkamp“. Mit Buhrufen, Megaphonen und roten Karten begegneten sie Landes- und Kommunalpolitikern bei öffentlichen Veranstaltungen. „Wir waren gezwungen, von Null auf Hundert Menschen zu organisieren und uns Gehör zu verschaffen“, sagt Claudia Treumann, Sprecherin der Bürgerinitiative.

Sie betont damals wie heute, dass es den Bürgern nicht darum gegangen sei, Flüchtlinge fernzuhalten. „Es ist ja keine Frage, dass die Menschen aufgenommen werden müssen.“ Sie hätten nur eine große, zentrale Erstaufnahme verhindern wollen. „Es ist einfach so, dass, wenn eine riesige Anzahl von Menschen zusammengepfercht wird, es zu Aggression und Konflikten führt“, sagt sie. „Wir haben gesehen, dass sich das Dörfliche, was wir hier haben, komplett verändern würde.“ Eine große, zentrale Erstaufnahme in Lübeck verhinderte die Bürgerinitiative nicht. Aber sie entstand nicht am Bornkamp, sondern auf dem Volksfestplatz in St. Gertrud.

Die Flüchtlinge am Bornkamp kommen aus Syrien, Irak, Iran, Afghanistan und vielen anderen Ländern; hauptsächlich alleinreisende Männer, dazu 17 Familien mit 37 Kindern. Probleme mit Anwohnern gebe es keine, sagt André Weidmann. Er leitet bei der Gemeindediakonie den Bereich Obdach und Asyl, wohnt selbst in der Siedlung Bornkamp und möchte am liebsten gar nicht mehr über den Streit vom letzten Jahr reden. „Das ist wahrscheinlich der Standort, wo es das meiste Engagement von Ehrenamtlern gibt“, lobt er. Zu den Helfern aus der Siedlung gehört Bente Heldmann (40), die regelmäßig zum „Café Welcome“ einlädt. „Ich empfinde es gar nicht als ,Ehrenamt‘“, sagt sie, „sondern als etwas, was man mit Nachbarn zusammen tut.“

Das Integrationskonzept für Flüchtlinge, das die „Neue Heimat“ im Mai 2015 versprochen hatte, gibt es allerdings noch nicht.

„Wir haben davon Abstand genommen, weil wir von der Diakonie gebeten worden waren, die Menschen erstmal ganz in Ruhe ankommen zu lassen“, erklärt Claudia Treumann. Die Mitglieder der Neuen Heimat sind als Ehrenamtler noch nicht stark in Erscheinung getreten. „Es gibt aber ein paar, jedoch nicht in der Häufigkeit“, sagt Weidmann. Claudia Treumann will sich aber für eine Begegnungsstätte im Viertel einsetzen, die auch die Flüchtlinge einbezieht. „Das ist ein Projekt fürs nächste Jahr.“

Raed Tezini und Khitan Omiera werden dann nicht mehr am Bornkamp wohnen. Sie ziehen zum Dezember in eine Wohnung in der Innenstadt. Ihr drittes, in Lübeck geborenes Kind wird nicht in einem Container aufwachsen.

 Hanno Kabel

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