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Lübeck Bouteiller: „Weinende Menschen liefen umher – es war schrecklich“
Lokales Lübeck Bouteiller: „Weinende Menschen liefen umher – es war schrecklich“
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18:28 15.01.2016
Michael Bouteiller, Lübecker Bürgermeister von 1988 bis 2000. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
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LN: Der Brand des Asylbewerberheims jährt sich zum 20. Mal. Wann und wie wurden Sie damals informiert?

Michael Bouteiller: Ich wurde in den frühen Morgenstunden von der Feuerwehr oder einem Journalisten angerufen. Ich bin sofort an den Brandort gefahren. Den ersten Eindruck werde ich nie vergessen – eine Drehleiter der Feuerwehr war umgekippt, das Blaulicht drehte sich, weinende Menschen liefen umher. Es war ein schreckliches Bild. Die Stadtwerke hatten einen Bus bereitgestellt für die Bewohner des Hauses. Es war sehr kalt. Ich bin in den Bus. Ich habe versucht, einige Bewohner zu trösten.

LN: Sie haben vor Fernsehkameras geweint, Sie haben das Ende der Sammelunterkünfte angekündigt, Sie haben Asylbewerbern Passersatzpapiere ausgestellt, damit sie ihre Opfer in der Heimat beerdigen konnten. Würden Sie heute wieder genauso handeln?

Bouteiller: Ja. Am Ende ist es keine Frage der Rationalität. Ich habe alles in Kauf genommen, auch die Disziplinarstrafe von 6000 Mark durch den Innenminister, weil es ein Gebot der Menschlichkeit war. Ich habe nicht vor Fernsehkameras geweint, ich wurde durch die Fenster des Stadtwerke-Busses gefilmt, als ich eine der Betroffenen umarmte.
LN: Der Brandanschlag ist bis heute ungeklärt. Sie haben mehrfach öffentlich die Wiederaufnahme von Ermittlungen gefordert. Bleiben Sie dabei oder sollte man einen Schlussstrich ziehen?

Bouteiller: Nein, den kann es nie geben. Ich habe immer bedauert, dass man sofort in Richtung Täterschaft eines Hausbewohners ermittelt hat. Der wurde später in zwei Instanzen freigesprochen. In Richtung der vier Grevesmühlener Jugendlichen wurde ungenügend ermittelt, es sind sogar Beweismittel verschwunden. Wer das war, ob es Fahrlässigkeit war, das lasse ich dahingestellt. In gewisser Weise ist durch den Freispruch für den Libanesen Rechtsfrieden eingekehrt – das ist wichtig für die Stadt. Es war kein Täter aus dem Haus.

LN: Anfang der 90er Jahre nahm Lübeck viele Flüchtlinge auf. Dann die Brandanschläge auf die Synagoge, die Unterkunft und eine Kirche. Wie war die Stimmung in der Stadt?

Bouteiller: Das waren die Lübecker Brandjahre. Von 1994 bis 1997 stand die Stadt dauernd im Fokus. Beim ersten Brandanschlag auf die Synagoge gab es eine ungeheure Betroffenheit. Es herrschte Entsetzen, es gab sofort Aktionen, Zusammenkünfte und Runde Tische. Wir haben später öffentlich die Aussagen der vier Moislinger Jugendlichen, die für die Tat verantwortlich waren, ausgewertet. Dadurch wurden die sozialen Projekte in Moisling und anderen Stadtteilen ausgelöst. Der zweite Anschlag war wie eine Doublette. Möglicherweise war ein Tabu gebrochen. Nach den weiteren Brandanschlägen auf die Unterkunft und die Vicelin-Kirche machte sich ein Gefühl der Unsicherheit breit.

LN: Gab es damals eine Willkommenskultur für Flüchtlinge in Lübeck?

Bouteiller: Nein. Anfang der 90er Jahre stieg die Zahl der Flüchtlinge, es kamen russische Spätaussiedler und viele Mecklenburger nach Lübeck. Wir haben für Flüchtlinge die Schwedenhäuser aufgestellt. Die Standorte haben wir vor Ort den Bürgern vorgestellt. Was ich da erlebt habe, war schon hart. Da gab es richtig Zoff vor Ort.

LN: Wie heute?

Bouteiller: Nein, überhaupt nicht. Heute haben wir eine Zivilität, eine Hilfsbereitschaft – das habe ich in dieser Breite so noch nicht erlebt.

LN: Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) will bis zu 1000 Asylbewerber abschieben, er schlägt den Flughafen als Abschiebeeinrichtung vor. Säßen Sie heute auf seinem Sessel, hätten Sie genauso gehandelt?

Bouteiller: Einen Teufel würde ich tun. Saxe plant eine Massenabschiebung. In dieser Frage hat er gar keine Zuständigkeit, das Landesamt ist zuständig. Es handelt sich um 1000 einzelne Schicksale, die sorgfältig überprüft werden müssen. Dieser Vorschlag schreckt Flüchtlinge ab und demotiviert die ehrenamtlichen Helfer. Ich habe dafür keinerlei Verständnis.

LN: Muss sich eine Kommune nicht auch vor einer Überforderung durch Zuwanderung schützen?

Bouteiller: Es gibt keine Überforderung. Wo gibt es denn Probleme mit den Flüchtlingen in Lübeck? Ein abschiebefähiger Flüchtling – das ist aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Saxe hat sich verrannt.

Interview: Kai Dordowsky

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