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Lokales Lübeck Brahms-Versteher unter der Lupe
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20:22 10.07.2018
Lübeck

Noch stehen die 2100 Seiten wartend im Regal ihres Büros. Sie möchten gelesen werden; die Aufforderung ist spürbar. Aber Teresa Ramming ist Forscherin, und Wissenschaft erfordert erstmal Struktur, und jeder Schritt will wohl überlegt sein. „Zuerst beschaffe ich mir die Quellen, die Max Kalbeck für sein Werk verwendet hat und aus denen er auch zitiert, also Briefabschriften, Skizzen sowie weitere schriftliche Dokumente“, sagt die 30-jährige Schweizerin.

Für ihre Doktorarbeit ist sie nach ihrem Masterabschluss an der Universität Zürich extra ans Lübecker Brahms-Institut der Musikhochschule (MHL) gekommen. Schließlich gibt es kaum einen anderen Ort, an dem man besser über den deutschen Komponisten und seinen „Haus-Biografen“ forschen kann. „Ursprünglich wollte der renommierte Musikschriftsteller aber über Robert Schumann schreiben“, weiß die Doktorandin, „dann jedoch hatte sich das Projekt nach einer heftigen Streitigkeit mit Clara Schumann erübrigt.“

Kalbecks Brahms-Biografie ist nicht nur einzigartig, weil sie so monumental ist, sondern vor allem aufgrund der Tatsache, dass der Autor den Musiker im Jahr 1874 persönlich kennengelernt hatte und spätestens ab 1880 zum engeren Wiener Brahms-Kreis gehörte. „Der Komponist war zum Beispiel häufig zum Mittagessen bei Kalbecks. Er hat die Kochkünste der Ehefrau sehr geschätzt, wie überliefert ist“, erzählt Teresa Ramming.

Doch was genau möchte sie nun in den nächsten Jahren erforschen? „Kalbeck hat durch sein Werk bis heute das Genie- und Künstlerbild von Johannes Brahms wegweisend geprägt. Die generelle Frage, die sich mir nun stellt, ist, inwieweit das Bild, das er zeichnet, unter anderem durch die freundschaftliche Beziehung geprägt wurde“, fasst es die Wissenschaftlerin zusammen. Insgesamt habe sich das zwischen den beiden sehr gut zusammengefügt, „weil sie viele ideelle und ästhetische Ansätze geteilt haben.“

Kalbeck sei ein akribischer Sammler gewesen – „nach Brahms’ Tod 1897 ist er viel gereist, um Freunde und Bekannte des Komponisten aufzusuchen. Er hat sich ganz viele Gesprächsnotizen gemacht und 1465 Briefe von Brahms zusammengesucht, um sie persönlich abzuschreiben, damit sie für die Zukunft nicht verloren sind“, erzählt die Doktorandin.

Das Thema dieser „rezeptionshistorischen“ Arbeit liege ihm sehr am Herzen, betont der Leiter des Brahms-Institutes, Prof. Wolfgang Sandberger. Und er profitiert sogar zweifach von der Anwesenheit der Schweizer Forscherin, die durch die neue Kooperation der Musikhochschule mit dem ZKFL an den Jerusalemsberg gekommen ist. Denn sie steht der Einrichtung auch im Rahmen eines Volontariates, Stichwort Lübecker Modell, zur Verfügung.

„Wir versuchen, die Aufgaben im Verhältnis 50 zu 50 aufzuteilen“, so Sandberger, der als Hauptgutachter fungiert, „schließlich soll die Dissertation ja auch in rund drei Jahren fertig sein.“ Seine Mitarbeiterin arbeitet entsprechend an Ausstellungen und beim Brahms-Festival mit, übernimmt Moderationen beim Brahms-Café und vieles mehr.

Biograf Max Kalbeck verfasste ein 2100-Seiten-Werk über Johannes Brahms

Johannes Brahms (1833 bis 1897) gilt als einer der bedeutendsten Komponisten der Musikgeschichte. Und Max Kalbeck, 1850 in Breslau geboren, Lyriker, Musikschriftsteller, Librettist und Übersetzer, ist heute vor allem als sein Biograf bekannt. Im Zeitalter der Künstler-Biografie gehört Kalbecks monumentale Arbeit über den deutschen Musiker zu den wenigen Vertretern dieses literarischen Genres, die einen Zeitgenossen zum Gegenstand haben.

Für Doktorandin Teresa Ramming, die Geige spielt, ist Brahms der, „an dem man sich am besten die Zähne ausbeißen kann – was aber natürlich auch seinen Reiz hat.“ Den musikalischen Zugang bekomme man nur, wenn man sich eingehend mit ihm beschäftige. „Brahms muss man ein paar Mal hören, um ihn zu knacken; aber dann mag man ihn einfach für immer“, sagt sie.

Michael Hollinde

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