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Lübeck Brandstiftung war Suizidversuch
Lokales Lübeck Brandstiftung war Suizidversuch
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20:59 16.11.2018
Das Amtsgericht Lübeck, derzeit untergebracht im Container. Quelle: Sebastian Prey
St. Gertrud

Während der Beweisaufnahme durch Richterin Astrid Jansen immer wieder Tränen beim Angeklagten, dessen Angehörigen und Freunden, am Ende des ersten und letzten Hauptverhandlungstages am Amtsgericht Lächeln und Umarmungen: Für den 36-jährigen Iraner Mehrad K. (Name geändert) endete der Tag mit der Aufhebung des Haftbefehls und der konkreten Aussicht auf Hilfe.

Wohnung von Frau und Tochter angezündet

Angeklagt war er der schweren Brandstiftung. Nur glücklichen Umständen ist zu verdanken, dass keine anderen Bewohner des Mehrfamilienhauses zu Schaden kamen. Am 4. Juli dieses Jahres hatte er – endgültig erkennend, dass seine Frau keine gemeinsame Zukunft mit ihm mehr wollte – die Wohnung von Frau und Tochter in deren Abwesenheit angezündet. Sein Verteidiger Morten von Holdt verlas vor dem Schöffengericht eine entsprechende Erklärung des Angeklagten.

Brief in Wohnung hinterlegt

Mehrfach habe es Unstimmigkeiten zwischen Mehrad K. und seiner Frau gegeben, nach einer vorübergehenden Trennung habe man sich gerade wieder ein wenig angenähert. Mehrad K. wohnte bei seinem Cousin, Frau und Tochter in der einst gemeinsamen Wohnung. Seine Frau informierte ihn per SMS darüber, dass ein Brief vom Jobcenter in der Wohnung liege und er den Brief abholen möge, wenn sie und die Tochter nicht zu Hause seien.

Endgültige Trennung realisiert

Mit seinem Schlüssel ging K. an jenem Tag in die Wohnung, sah dann jedoch, dass Brief und sein gesamtes Hab und Gut im Flur lagen, die Tür zum Wohnzimmer hingegen abgeschlossen war. In dem Moment habe er erkannt, „dass ich ganz aus dem Leben meiner Frau raus sollte.“ Der ohnehin unter Depressionen leidende 36-jährige beschloss spontan, seinem Leben ein Ende zu setzen: Er holte Reinigungsbenzin aus dem Keller, zerstörte das Glas der Wohnzimmertür, verschüttete den Brandbeschleuniger im Raum, schnitt sich mit einer Scherbe die Pulsadern auf und entzündete das Benzin. Als statt lodernder Flammen nur starker Rauch durch die Wohnung zog, war sein Überlebenswille größer: Er öffnete das Küchenfenster und sprang aus der im ersten Obergeschoss gelegenen Wohnung.

Keine fachgerechte Behandlung im Gefängnis

Während der Flucht unternahm Mehrad K. einen weiteren, erfolglosen Selbstmordversuch, bevor er per Zug zu seiner Schwester nach Hamburg fuhr, die ihn ins Krankenhaus brachte. Zehn Tage verbrachte er dort, aus der psychiatrischen Abteilung wurde er später nach Lübeck verlegt. Warum dann plötzlich der Haftbefehl erlassen wurde und K. in die Justizvollzugsanstalt Lübeck kam, wo laut Gutachter Dr. Jochen Brack „keine fachgerechte Behandlung erfolgte“, blieb auch dem Gericht unverständlich.

Erheblich geminderte Steuerungsfähigkeit

Laut Brack sei Mehrad K. „tief depressiv und suizidal“, die Steuerungsfähigkeit erheblich gemindert. Eine Gefahr für andere gehe von dem Angeklagten seiner Einschätzung nach nicht aus. Er halte es „für dringend geraten, den Angeklagten einem psychiatrischen Krankenhaus zuzuführen.“ Sehr gründlich lotete Richterin Jansen diese Möglichkeiten aus, fragte nach der praktischen Umsetzung, bevor sie bilanzierte, dass alle Beteiligten sich einig seien, dass ein Aufenthalt im Krankenhaus das Beste für den Angeklagten sei.

Entschuldigung bei allen Lübeckern

Das letzte Wort vor dem Urteil hatte der Angeklagte, der beteuerte, er habe in vier Jahren nur Gutes von den Bürgern der Stadt erfahren und nie den Gedanken gehabt, irgendwem etwas anzutun. „Ich möchte mich bei allen Lübeckern entschuldigen.“

Stationäre Behandlung

Das Urteil: Wegen schwerer Brandstiftung, begangen im Zustand verminderter Schuldfähigkeit, ergeht eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, für drei Jahre ausgesetzt zur Bewährung, gegen Mehrad K. Allerdings gibt es Auflagen: Er muss seinen Wohnsitz bei seiner Schwester in Hamburg nehmen, sich unmittelbar in stationäre Behandlung begeben und darf diese nicht gegen ärztlichen Rat abbrechen.

Sabine Risch

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