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Lübeck Brodtener Ufer: Schlimmste Abbrüche seit Jahren
Lokales Lübeck Brodtener Ufer: Schlimmste Abbrüche seit Jahren
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11:20 09.02.2018
Hans-Georg Erdmann (61) spannt an der Steilküste ein neues Absperrband. Im Dezember gab es am Brodtener Ufer besonders viele Abbrüche. Quelle: Cosima Künzel
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Travemünde

Langsam fährt Hans-Georg Erdmann (61) mit dem Pick-up an der Steilküste entlang. Rechts sind Felder, links geht es rund 20 Meter in die Tiefe. „Ich fahre die Strecke fast täglich“, sagt der Mann vom Bereich Stadtgrün und Verkehr, der jede Wegbiegung und jeden Baum entlang der beliebten Panoramaroute kennt. Sein Job ist, den Wanderweg zu kontrollieren, zu sichern und bei Bedarf weiter ins Landesinnere verlegen zu lassen.

„In den vergangenen vier Jahren hatten wir kaum Abbrüche“, sagt er, „aber in dieser Saison ist es besonders schlimm.“ Seit November vergangenen Jahres gab es entlang der rund vier Kilometer langen Steilküste vier extreme Erdrutsche und diverse kleinere. „Einmal habe ich sogar zusehen können“, berichtet der Kontrolleur und zeigt die entsprechenden Fotos, die er in einem Zeitfenster von anderthalb Stunden gemacht hat. Erst ist auf dem Weg ein kleiner Längsriss zu sehen, dann eine Spalte – und schließlich ist der halbe Weg verschwunden. „So etwas habe ich vorher noch nie erlebt“, sagt der Mann im grünen Arbeitsanzug, der den Job seit 2002 macht.

Die Steilküste am Brodtener Ufer ist stark angegriffen und muss ständig kontrolliert werden. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie.

Angst abzustürzen, hat Erdmann nicht. Aber an manchen „brisanten Stellen“ wird er „schon mal nachdenklich“. „Die Abbrüche kommen einfach immer weiter an den Weg ran, und unser Brodtener Ufer ist sehr launisch“, sagt er. „Es bricht meistens da ab, wo wir nicht damit rechnen.“

Stark betroffen war zuletzt der Bereich vor dem Jugendhaus Seeblick (die LN berichteten), aber auch andere Stellen sind gefährdet. Der Dauerregen hat den Boden so stark aufgeweicht, dass die Sand- und Geröllmassen instabil werden. Außerdem reißt das abfließende Regenwasser Erde mit sich. „Hier kann man gut sehen, wie eine Ausspülung entstanden ist“, sagt Erdmann, steigt aus dem Wagen und zeigt auf einen Einschnitt in Höhe des Erlebniscafés Hermannshöhe. Mit Flatterband ist die Stelle schon abgesperrt, Zäune und ein neuer Wegverlauf werden folgen. Zwischen Travemünde und Niendorf sind zwölf neue Warnschilder aufgestellt worden. Außerdem rechnet Erdmann damit, dass rund 300 Meter Wegstrecke neu angelegt werden müssen.

Doch nicht nur das viele Oberflächenwasser ist verantwortlich für die Abbrüche. „Vor allem bei Ostwind gehen bei mir alle Alarmglocken an“, sagt der Fachmann. „Dann nagen die Ostseewellen am unteren Bereich der Steilküste.“ Dort liegen Sand, Geröll und Bäume. Wie Spielzeugmännchen steigen zwei Spaziergänger über die Hindernisse. Auch der Strand ist ein beliebter Spazierweg. Um die Menschen dort zu schützen, müssen manchmal auch Bäume gefällt werden. „Aus Sicherheitsgründen haben wir keine Wahl“, erklärt der 61-Jährige und zeigt auf eine Abbruchstelle mit Baumstümpfen.

Zurück im Pkw geht die Kontrollfahrt weiter. Der Himmel ist knallblau, die Luft eiskalt, der Blick aufs Meer grandios. „Dieser Weg ist etwas Besonderes, ich liebe meinen Job“, schwärmt der gelernte Gärtner. „Bei jedem Wetter ist es spannend und nie langweilig.“ Auch viele Wanderer, Läufer oder Gassigeher sind an diesem sonnigen Februartag unterwegs. Erdmann grüßt viele aus dem Auto heraus. „Die Einheimischen kennen sich aus. Das ist hilfreich, denn sie sagen uns auch mal Bescheid, wenn irgendwo Gefahr droht. Wir können ja nicht rund um die Uhr hier sein.“ Viele Touristen hingegen seien unbelehrbar. „Die stellen ihr Kind direkt an die Abbruchkante, um ein spektakuläres Foto zu machen. Das ist Wahnsinn“, sagt er und schüttelt mit dem Kopf.

Cosima Künzel

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