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Lübeck Brücke zwischen den Zeiten
Lokales Lübeck Brücke zwischen den Zeiten
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20:41 16.06.2017
Auf dem Bild von 1892 ist die Drehbrücke schon fertiggestellt, aber die Eisenbahnschienen fehlen noch. Links oben ist der Schlot der Dampfmaschine zu sehen, die Anfang des 20. Jahrhunderts durch einen Elektromotor ersetzt wurde.

Wer glaubt, wir lebten in einer schnelllebigen Zeit, der sollte sich einmal im späten 19. Jahrhundert umsehen. Keine Zeit vorher oder nachher hat das Leben, das Arbeiten und die Umgebung der Menschen so umgekrempelt wie die Jahre zwischen 1850 und dem Ersten Weltkrieg. Kanalisation, Elektrizität, Eisenbahn, Stahlbau – es entstand eine völlig neue Welt. An wenigen Orten ist das heute noch so sichtbar wie rund um die Lübecker Altstadt. Dazu gehört die Drehbrücke, die in diesem Jahr 125 Jahre alt wird und an den Tagen der Industriekultur am Wasser heute und morgen eine wichtige Rolle spielt.

Die Drehbrücke wurde vor 125 Jahren gebaut – Heute und morgen sind Tage der Industriekultur.

Um 1880 fing der Ingenieur Peter Rehder (1843-1920, ab 1888 Wasserbau-Direktor) an, Lübeck umzukrempeln. Damals war es der zweitgrößte deutsche Seehafen, nach Hamburg und vor Bremen. Aber jede Stadt, die auf Dauer mithalten wollte, musste im großen Stil investieren. Als Peter Rehders Pläne verwirklicht waren, war aus dem mittelalterlich verträumten Lübeck eine andere Stadt geworden. Die Altstadt war jetzt eine Insel und grenzte im Osten nicht mehr an die Wakenitz, sondern an einen Kanal. Im Westen säumten sie Kaikanten, Gleise und Hafenschuppen, die sich weit bis nach Norden zogen.

Rehder verlor von Anfang an keine Zeit. Nachdem die Trave um 1880 nach seinen Plänen verbreitert, vertieft und begradigt worden war, kümmerte er sich um die Anbindung an Land. 40-Tonnen-Lastwagen und Autobahnen gab es noch nicht. Aber es gab die Eisenbahn. Nur mit ihr ließen sich die ständig wachsenden Gütermengen an Land transportieren. „Allen Verbesserungen und Erweiterungen der stadtseitigen Kaianlagen“, schrieb Rehder 1885, „muss (...) notwendigerweise die Herstellung einer Drehbrücke zur besseren Verbindung der Uferbahn mit dem Bahnhof vorausgehen.“

Vor dem Bau der Brücke war der Transport auf der Schiene umständlich: Jeder Waggon musste auf einer Drehscheibe hinter der Holstenbrücke einzeln gedreht werden. Erst mit der Drehbrücke konnten komplette Güterzüge vom Bahnhof über die Trave zu den Hafenanlagen rangiert werden. Der Bau der Brücke kostete 400000 Mark – grob in heutige Kaufkraft umgerechnet, drei Millionen Euro. In der gleichen Größenordnung bewegte sich die Grundsanierung der Brücke 2014 und 2015: Sie kostete 3,6 Millionen Euro. Die hydraulische Technik aus dem 19.

Jahrhundert wurde dabei auf Vordermann gebracht, aber nicht verändert. Das wäre auch gar nicht erlaubt gewesen, denn seit 1989 steht die Brücke unter Denkmalschutz. 2005 wurde die manuelle Steuerung durch Elektronik ersetzt – das war die größte Veränderung, seit 100 Jahre vorher die Dampfmaschine zugunsten eines Elektromotors ausgebaut worden war.

Ihren ursprünglichen Zweck allerdings hat die Drehbrücke endgültig verloren. Nur die verfüllten Schienenreste erinnern noch an die Hafenbahn, die in diesem Abschnitt 2012 per Beschluss der Bürgerschaft stillgelegt wurde. Die Untertrave spielt für die Handelsschifffahrt keine Rolle mehr. Als die Brücke gebaut wurde, waren Automobile ein exotisches Hobby für reiche Spinner. Heute dient die Drehbrücke knapp 20000 Autos täglich als Verbindung zwischen der Innenstadt und St. Lorenz Nord. Geöffnet wird sie in der Regel einmal am Tag. Dann hebt sich das 350 Tonnen schwere, knapp 40 Meter lange schwere Stück Straße durch Wasserdruck um etwa zehn Zentimeter und dreht sich um 56 Grad zur Seite – genau wie vor 125 Jahren.

Das Programm für Lübeck

Rundgang durch Hafenanlagen aus der Rehder-Zeit, Sonnabend, 10 bis 12 und 14 bis 16 Uhr, Treffpunkt: Drehbrückenhaus, Willy-Brandt-Allee 35 Feuerschiff Fehmarnbelt, Behnkai am Hansahafen, geöffnet Sonnabend und Sonntag, 11 bis 17 Uhr Rundgang: Brücken im Stadthafen, Sonnabend, 10 bis 12 und 14 bis 16 Uhr, Treffpunkt: Hubbrücken

Drehbrücke/Eric-Warburg-Brücke: Tag der offenen Tür, Sonnabend, 9 bis 17 Uhr Kulturwerft Gollan, Führung, Sonntag, 13 Uhr, Einsiedelstraße 6 Seegrenzschlachthof, Führung, Sonntag, 11 und 15 Uhr, Schwartauer Allee 76a

Stadtwassermühlen, Führungen, Sonnabend und Sonntag, Mühlendamm 22 und 24 Eimerkettenbagger „Wels“, stündlich in Betrieb, Sonnabend/Sonntag, 11 bis 16.30 Uhr, an der Drehbrücke Motorschlepper „Titan“, Besichtigung und kurze Fahrten, Sonnabend und Sonntag, 11 bis 16.30 Uhr, Museumshafen, An der Untertrave

Hanno Kabel

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