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Lübeck Brücken-Sperrung bringt Betriebe in Not
Lokales Lübeck Brücken-Sperrung bringt Betriebe in Not
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12:48 18.09.2016
"Ich habe 20 Prozent meiner Kunder verloren." Nobert Kuczewski, Stationsleiter einer Autowaschstraße Quelle: Roessler

Mit am schlimmsten hat es Norbert Kuczewski erwischt. Der Stationsleiter einer Autowaschanlage in der Geniner Straße hat 15 bis 20 Prozent weniger Kunden pro Tag, seit die Possehlbrücke in eine Fahrtrichtung gesperrt ist. „Ich habe viele Stammkunden“, sagt der Kleinunternehmer, „aber die fahren keine Umwege, um ihr Auto zu waschen.“ Kuczewski ist Franchisenehmer, muss seiner Gesellschaft seine Zahlen erklären. „Mir wird vorgeworfen, dass ich unterirdisch verkaufe.“ Lange geht das nicht mehr gut. Kuczewski: „Dann muss ich bei den Angestellten sparen.“

Im Gewerbegebiet Genin wächst der Frust, weil der Neubau der Possehl-Querung sich immer weiter verzögert.

Mir platzt die Hutschnur, ich fühle mich von der Stadt nicht ernst genommen.“ Hartmut Richter, Inhaber eines Baustoffhandels

„Die lange Bauzeit kann dem einen oder anderen das Genick brechen.“

Alexander Kunkel, Chef von Cavier & Sohn

„Das sind massive Einschränkungen. Selbst mit Blaulicht kommen wir nur schwer durch.“Pascal Scherm, Notfallsanitäter

„Ich bin seit 18 Jahren hier, so etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Günter Uka, Kfz-Meister

Ich habe 15 bis 20 Prozent meiner Kunden verloren. Bald kostet das Arbeitsplätze.“ Norbert Kuczewski, Stationsleiter einer Autowaschstraße

Seit Frühjahr 2015 wird an der Possehlbrücke gebaut. Seitdem kann der Verkehr nur in Richtung Stadt fließen. Der ursprüngliche Zeitplan, der die Fertigstellung bis Anfang 2017 vorsah, ist längst Makulatur. Politiker befürchten, dass die neue Brücke nicht einmal Ende 2017 steht.

„Das wäre ein Desaster“, schimpft Gregor Zwingmann von Polster Aktuell. „Wir leben zu 100 Prozent von den Kunden, die in unser Möbelhaus kommen“, so der Inhaber. Zehn Standorte hat das Unternehmen in Deutschland. Zwingmann: „Alle wachsen, nur hier an diesem Standort stagniert das Geschäft.“ Die Stimmung im ganzen Gewerbegebiet sei auf dem Nullpunkt. Wie sehr die zahlreichen kleinen und mittelgroßen Betriebe im Gewerbegebiet an der Situation leiden, will Detlef Zielke zeigen. Er betreibt ein Autohaus und ist Vorsitzender des Vereins „Wir in Genin“ (94 Mitglieder). Er lädt zur „Tour de Frust“ durchs Viertel.

Hartmut Richter, Inhaber von Baustoff Richter (350 Mitarbeiter, 80 in der Straße Hinter den Kirschkaten), beklagt, dass die Behörden ihre Baustellen nicht abstimmen. „Nach den volkswirtschaftlichen Auswirkungen fragt in einer Verwaltung kein Mensch.“ Richter hat Zahlen zusammengestellt. „Im letzten Quartal 2015 sind bei uns für 300000 Euro weniger Waren abgeholt worden als im Vorjahr.“ Da die Kunden ausbleiben, fahren die Mitarbeiter die schweren Güter zu den Kunden. Richter: „Wir haben 30000 Euro zusätzlichen Aufwand, den uns keiner bezahlt.“ Er fühle sich als Gewerbetreibender, der Steuern zahle und Jobs schaffe, von der Stadt nicht ernst genommen. Und wenn dann auf der Baustelle wochenlang nichts passiere, „platzt mir die Hutschnur“.

Kfz-Meister Günter Uka hat ebenfalls seinen Service ausgeweitet, damit die Kunden nicht abspringen. Der 62-Jährige fährt nach Feierabend die reparierten Autos zu den Kunden nach Hause. „Ich bin seit 18 Jahren hier, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Alexander Kunkel, Inhaber der Dachdeckerei Cavier & Sohn, versteht nicht, „dass die Stadt keine andere Lösung findet.“ 35 seiner 40 Beschäftigten fahren jeden Tag auf Baustellen – mit zwölf Fahrzeugen. Kunkel hat ausgerechnet, dass Staus und Umwege jeden Tag 17,5 Stunden Arbeitszeit kosten. „Eine Bauzeit von zwei Jahren kann manchem Betrieb das Genick brechen“, erklärt der 35-Jährige.

Die Gewerbetreibenden fordern von der Bauverwaltung eine klare Aussage, wie lange an der Possehlbrücke noch gebaut wird. „Wir brauchen ein ehrliches Statement“, sagt Autohändler Zielke.

Außerdem erwarten sie eine Antwort auf ihren Vorschlag, eine Behelfsbrücke einzurichten. Möbelhändler Zwingmann: „Eine Behelfsbrücke ist für knapp 500000 Euro zu haben. Wir haben das vorgeschlagen und warten seit einem Jahr auf eine Antwort.“ Ende Juli hat der Verein „Wir in Genin“ an den Bürgermeister geschrieben und eine Ampel vorgeschlagen, so dass der Verkehr wechselseitig über die Brückenreste fließen kann. Ende August antwortete Bernd Saxe (SPD), dass eine Ampel zu einem weit größeren Stau in beide Richtungen führen würde. Seine Fachleute nennen Wartezeiten vor den Ampeln von 15 bis 40 Minuten. Die Umleitung würde die Autofahrer hingegen zwischen fünf und 30 Minuten kosten.

 Kai Dordowsky

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