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Lübeck Brutale Gewalt gegen Taxifahrer
Lokales Lübeck Brutale Gewalt gegen Taxifahrer
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21:45 23.01.2018
Taxifahrer Lesan Khosravi wurde von einem unbekannten Täter beleidigt und zusammengeschlagen.  Quelle: Lutz Roeßler
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Lübeck

Es ist vier Uhr nachts, Lesan Khosravis letzter Kunde für die Schicht steigt vor einer Kneipe an der Untertrave nahe der Drehbrücke ins Taxi. Der junge Mann will nach St. Jürgen in die Grünewaldstraße. Schon als er einsteigt, wird Khosravi nervös. Mit einem weiteren Fahrgast, der früher aussteigt, macht der Mann Witze über Flüchtlinge. Khosravi vermutet, dass die Kommentare ihm gelten. Der 58-Jährige lebt zwar seit 38 Jahren in Lübeck und tauschte vor langer Zeit seinen iranischen gegen einen deutschen Pass. Doch das hilft ihm in dieser Situation nicht. „Wegen meiner Hautfarbe und meines Akzents denkt der Kunde: Das ist ein Flüchtling“, erzählt Lesan Khosravi.

Am Ziel angekommen weigert sich der Mitfahrer, das Geld für die Fahrt zu bezahlen. Er wird immer aggressiver, beschimpft Khosravi mit den Worten „Warum gehst du nicht in dein Drecksloch, wo du hergekommen bist?“ Dann zerrt er an den Armen des Fahrers – und schlägt zu. Khosravi erinnert sich an rund zwanzig brutale Schläge auf den Kopf. Er versucht zwar noch, die Alarmanlage im Taxi zu betätigen, doch die funktioniert nicht, Hupe und Warnblinker springen aus unerklärlichem Grund nicht an. Dann wird Khosravi bewusstlos. Als er wieder aufwacht, ruft er die Polizei. Ein Krankenwagen bringt ihn ins Krankenhaus. Sein Kiefergelenk ist kaputt, der Schädel geschwollen, die Schulter ausgekugelt.

Die Polizei sucht seit dem Vorfall nach dem Täter. Er sei 1,80 Meter groß, zwischen 20 und 25 Jahre alt, habe kurze rote bis blonde Haare.

Seit 2014 mehr Migranten über das Mittelmeer nach Europa kamen, nehmen von rechts motivierte Straf- und Gewalttaten kontinuierlich zu. Zählte das Bundesamt für Verfassungsschutz 2013 bundesweit 801 rechtsextreme Gewalttaten, waren es 2016 bereits 1600. „Auch in Schleswig-Holstein stellen wir einen klaren Anstieg von Angriffen auf Flüchtlinge oder vermeintliche Flüchtlinge fest“, sagt Kai Stoltmann, Berater am Kieler Zentrum für Betroffene rechter Angriffe. Das klassische Muster der Täter: Sie haben schon vorher Ressentiments gegen Angehörige einer bestimmten Gruppe. In bestimmten Alltagssituation entladen sich die dann bei Einzelpersonen. So erklärt es Stoltmann.

Neben Khosravis Migrationshintergrund ist die Tätigkeit als Taxifahrer an sich grundsätzlich gefährlich. Laut einer Unfallstatistik des deutschen Taxi- und Mietwagenverbands gab es allein im Jahr 2016 237 Raubüberfälle auf Taxifahrer, insgesamt 85 Taxifahrer sind zwischen 1985 und 2016 ermordet worden. Praktisch täglich werde ein Taxifahrer in Deutschland Opfer von körperlicher Gewalt, sagt der Verband.

Das ausländerfeindliche Klima in Deutschland betrifft Lesan Khosravi nicht nur während seiner Arbeit als Taxifahrer. Seit drei Jahren sehe ihn niemand mehr auf dem Weihnachtsmarkt, bei Fußballspielen oder öffentlichen Partys. Seine Angst sei immer größer geworden. Das Ingenieursstudium an der Fachhochschule zog ihn vor 38 Jahren nach Lübeck. Damals habe er gern hier gelebt. Aber: „Es ist immer schlimmer geworden“, sagt der 58-Jährige. „Viele Menschen haben etwas gegen Ausländer.“ Taxifahren werde er nach dem Vorfall nun nie wieder. Auch überlege er, auszuwandern, vielleicht nach Südamerika. Denn: „In Europa kann ich nicht mehr gut leben.“ Misstrauische Blicke, Beleidigungen von Fremden, und nun körperliche Gewalt am Arbeitsplatz – „so kann es nicht weitergehen.“

Von Saskia Bücker

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