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Lübeck Bürgermeister-Bewerber: Wer ist der Mann mit dem Hut?
Lokales Lübeck Bürgermeister-Bewerber: Wer ist der Mann mit dem Hut?
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12:23 04.08.2017
„Es war mir ein inneres Blumenpflücken.Ali Alam, Kandidat
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Travemünde

Er nennt sich „Bürgermeister der Herzen“, sein Standardspruch lautet „Es war mir ein inneres Blumenpflücken“, und er trägt, wo er geht und steht, diesen auffälligen Hut: Ali Alam will Bürgermeister und damit Nachfolger von Amtsinhaber Bernd Saxe (SPD) werden.

Der 36-jährige Familienvater, der in Travemünde lebt, fordert Jan Lindenau (SPD), Kathrin Weiher (parteilos), Detlev Stolzenberg (parteilos) und Thomas Misch (Freie Wähler) heraus. Die Mitbewerber amüsieren sich über Ali Alam, weil der gern Klamauk macht. Alam tritt nämlich für die Satirepartei „Die Partei“ an. Beim ersten Aufeinandertreffen der fünf Kandidaten auf der Travemünder Woche im Medienzelt (LN berichteten) hatte Alam ein paar Lacher, fiel aber sonst durch ausgesuchte Höflichkeit und belanglose Floskeln auf („Ich will nichts versprechen, ich mag alle Menschen.“).

Satire ist im Internet leichter als im wirklichen Leben. Das musste auch schon Bastian Langbehn erfahren, Parteikollege und zusammen mit Alam Gründer der Satirepartei in Lübeck.

2001 wurde der Kreisverband ins Leben gerufen. Bundesweite Beachtung fand das Abschneiden bei der Kommunalwahl 2013, als Langbehn mit 1,3 Prozent oder 831 Stimmen ein Bürgerschaftsmandat eroberte.

Mehr als vier Jahre übt Langbehn sein Mandat inzwischen aus. Dem üblichen kommunalpolitischen Geschäft entkam auch er dabei nicht. Erst tat die Partei sich mit den Piraten zusammen, um eine Fraktion bilden zu können, später dann mit der BfL, um eine noch größere Fraktion zu werden. „Wir folgen einem Fünfjahres-Plan“, erklärt Ali Alam, „erst sind wir in die Bürgerschaft eingezogen, und dann kämpfen wir um das Bürgermeister-Amt.“ Auch dabei holt die Realpolitik die Satiretruppe ein. Eigentlich könnte die Partei ihren Bewerber nominieren. Stattdessen muss Alam mühsam 245 Unterstützer-Unterschriften sammeln. Der Grund: Die Partei und die BfL bilden eine Fraktion, und die BfL unterstützt schon Kathrin Weiher. „108 gültige Unterschriften habe ich schon“, sagt Alam, „zu Haus liegen noch 100, ab Mitte August sammele ich intensiv.“

Der 36-jährige Geschäftsführer einer Agentur für Marketing wurde in Lübeck geboren. Seine Eltern stammen aus Marokko. Dort wuchs er sechs Jahre lang auf, bevor er mit seiner Familie wieder nach Lübeck kam. Neben seinem bürgerlichen Leben führt er seit einigen Jahren das Leben eines „Vollblutpolitikers“. Zur Kommunalwahl 2013 legte die Partei ein Regierungsprogramm für Lübeck vor. Das war stellenweise wirklich lustig – Lübeck sollte Landeshauptstadt werden, es sollte Parkplätze nur für Brillenträger geben, die Innenstadt unterkellert und das Holstentor an Diskotheken vermietet werden.

Auch zur Bürgermeisterwahl am 5. November hat Alam programmatische Häppchen veröffentlicht. 20 Prozent seiner Bezüge als Bürgermeister will er in einen Hilfsfonds geben, „mit dem in akuten Fällen schnelle und unbürokratische Hilfe geleistet werden kann“. Bei einem jährlichen Bruttogehalt von 120000 Euro wären das satte 24000 Euro.

Die Staus, die durch Brückenreparaturen verursacht werden, will der Kandidat mit Schlauchbooten an den Ufern von Trave und Kanal bekämpfen. Die städtische Informationstechnologie sei so veraltet, „dass sich in anderen Gemeinden schon Witze über unser Internet erzählt werden, von wegen es sei aus Holz und liefe noch mit Dampf“. Wirklich witzig. Aber die Spaß-Partei kann auch ernst sein. Ali Alam will Bürger in Entscheidungen einbinden, empfindet den städtischen Haushalt als unübersichtlich und bemängelt fehlende Bürgernähe von Politik und Verwaltung. Mit ihren Kandidaturen wollen die Partei-Politiker jene erreichen, die sich von der Politik abgewendet haben. Überzeugen will Alam, indem er „nur die Wahrheit sagt“. Ein Politiker, der nur die Wahrheit sagt – das dürfte den Wählern tatsächlich „ein inneres Blumenpflücken“ sein.

 Kai Dordowsky

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