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Lübeck Bunker wird zum modernen Kraftwerk
Lokales Lübeck Bunker wird zum modernen Kraftwerk
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21:55 15.04.2016
Bunker haben dicke Wände — auch innen. Deshalb geht Johann Eggert von der Wahlstedter Firma SGW mit dem ferngesteuerten Stemmhammer gegen den Stahlbeton vor. Quelle: Fotos: Olaf Malzahn

Es ist staubig, sehr staubig, kalt und etwas muffig in den Geschossen des einstigen Luftschutzbunkers hinter „Sky“ und „Lidl“. Und es ist laut, denn seit einigen Tagen laufen die Umbauarbeiten zum Energiebunker, den die Stadtwerke Lübeck etwa ein Jahr lang geplant haben. Dort, wo im Zweiten Weltkrieg Anwohner Schutz suchten und einige Jahre danach Flüchtlinge untergebracht waren, soll bis Ende des Jahres ein modernes Blockheizkraftwerk (BHKW) eingebaut werden, um den Stadtteil mit Fernwärme zu versorgen. Und dafür muss mit schwerem und teurem Gerät gearbeitet werden, wie Stadtwerke-Projektleiter Björn Ruschepaul erklärt.

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Stadtwerke haben mit dem Umbau der einstigen „Engelsburg“ im Töpferweg begonnen.

Vor allem die Aufgabe, insgesamt vier drei Meter hohe und vier Meter breite Öffnungen in die 2,50 Meter — davon sind 2,05 Meter Stahlbeton — dicken Außenmauern zu stemmen, ist eine echte Herausforderung. Unter Leitung des Generalunternehmers SZ Bau aus Schönberg arbeiten die Spezialisten von SGW aus Wahlstedt sich durch den Stahlbeton. „Normale Diamantsägen kann man hierfür nicht verwenden“, erklärt SZ-Geschäftsführer Frank Steppe, „für diese Arbeiten braucht man eine Diamant-Seilsäge, die nur ganz wenige Firmen haben.“

Das auf den ersten Blick unspektakulär aussehende Gerät hat es in sich: Ein Meter diamantbesetztes Seil kostet rund 100 Euro, gebraucht werden für den Energiebunker voraussichtlich 80 bis 100 Meter.

Das Gerät selbst, also die Säge, kostet um die 45000 Euro. Die senkrechten Schnitte der ersten Öffnung sind bereits fertig, die waagerechten sollen nächste Woche folgen. Allerdings auf keinen Fall bevor nach Kernbohrungen dicke Stahlträger in die Geschosse eingezogen sind, da sonst die Statik gefährdet wäre. Zwei Öffnungen im Erdgeschoss dienen dazu, die BHKW-Anlage überhaupt ins Gebäude zu bekommen, zwei weitere Öffnungen im zweiten Obergeschoss dienen der Be- und Entlüftung. Dort oben treibt Ralf Hagedorn bei unangenehmem Lärm einen Kernbohrer mit 20 Zentimeter Durchmesser und diamantbesetzter Spitze in eine Zwischenwand. Insgesamt 140 dieser Kernbohrungen werden fällig, mit Durchmessern zwischen fünf Zentimetern und einem Meter.

Im ersten Obergeschoss, wo an vielen Stellen der Estrich aufgebrochen ist, wird es noch lauter: Sprengmeister Johann Eggert bricht mit dem Stemmhammer eine Zwischenwand auf. Betonteile platzen ab, darunter kommt der Stahl zum Vorschein.

Drinnen wird Platz geschaffen für die BHKW-Bestandteile. Der Erdgasmotor beispielsweise wiegt bei einer Länge von 6,20 Metern und einer Breite von 1,70 Metern zarte 18 Tonnen, die Erdgaskessel bringen bei einer Länge von 7,10 Metern und einer Breite von 2,30 Metern je fünf Tonnen auf die Waage. Aus drei Geschossen werden später zwei. Aber alles, was sich erhalten lässt, soll erhalten bleiben. Vor allem das äußere Bild der „Engelsburg“ soll — so will es der Denkmalschutz — sich möglichst wenig verändern. Eine der jetzt mühsam per Diamant-Seilsäge geschaffenen Öffnungen wird nach Einbau der Technik wieder zugemauert. Von außen werden — nahe der Rückwände von „Sky“ und „Lidl“ — lediglich zwei Wärmespeicher und drei Schornsteine zu sehen sein.

Im Juni sollen die Umbauarbeiten beendet sein, bis zum Winter möchten die Stadtwerke die Anlage fertigstellen, die dann das Netz in St. Lorenz Süd speist und unter anderem die Musik- und Kongresshalle mit Fernwärme versorgt.

Historie und Technik

1941 wird der Bunker am Töpferweg gebaut, zudem ist er bis Kriegsende eine Flugabwehr-Stellung; nach dem Krieg wird er als Unterkunft für Flüchtlinge genutzt, 1987/88 zum Katastrophenschutzbunker umgebaut; der Name „Engelsburg“ entstand im Volksmund, weil seine Form an die Engelsburg in Rom erinnert.

3,5 Millionen Euro investieren die Stadtwerke inklusive Immobilie und Grundstück in die Umrüstung des Luftschutzbunkers in einen Energiebunker. Ein Erdgas-Motor soll künftig 2000 kW Strom und 2200 kW thermische Leistung (Fernwärme) erzeugen, zwei Erdgaskessel je 5000 kW thermische Leistung. Ein „Power-to- Heat“-Kessel erzeugt 2500 kW thermische Leistung durch Erhitzen von Wasser. Er nutzt überschüssigen Strom, der im Netz zum Beispiel bei starkem Wind und Sonne anfällt.

Von Sabine Risch

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