Lübeck. Er ist der Inbegriff schriller Kostüme, bunten Treibens und lauter Musik. Doch der Lübecker Christopher Street Day (CSD) ist mehr: Unter dem Motto „Deine Stimme für Gleichstellung“ demonstrieren fast 1000 Menschen gegen Diskriminierung, Ignoranz und Intoleranz und für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen.

Vom Straßenfest an der Obertrave zieht die Menge zwei Stunden lang durch die Stadt, umrundet Lindenplatz und Mühlentorteller, passiert den Koberg und wird lächelnd begrüßt, manchmal bejubelt. Und im Laufe des Zuges werden es immer mehr Teilnehmer. Menschen mit Einkaufstüten, Kinderwagen und eigentlich anderen Vorhaben an diesem Tag gesellen sich hinzu. „Für uns ist es sehr schön, dass uns die Lübecker so willkommen heißen“, sagt Christian Till, Erster Vorsitzender des CSD-Vereins, und sieht die Demo inzwischen als Publikumsmagnet. „Wenn wir anderswo mitgehen, werden wir längst nicht so gut aufgenommen.“

Organisiert wird die Parade von James Bergmann und eingeladen sind auch Politiker verschiedener Parteien: allen voran Kristin Alheit (SPD) als Ministerin für Soziales, Gesundheit, Familie und Gleichstellung in Schleswig-Holstein. Flankiert wird Alheit von Hartmut Evermann von der Lübecker Aids- Hilfe und von den „Schwestern der perpetuellen Indulgenz“. „Schwester Daphne“ ist für den CSD nicht nur aus Berlin angereist. Sie hat sich auch optisch ins Zeug gelegt. „Von nackt bis Nonne dauert‘s etwa zwei Stunden“, verrät die „queere Ordensschwester des 21. Jahrhunderts“ scherzend.

Gemeinsam mit „Schwester Gloria“ ist sie zum vierten Mal in Lübeck dabei, „denn Gleichberechtigung muss nicht nur in den großen Städten erkämpft werden“. Gerade abseits der Metropolen sei viel zu tun, „und irgendwann müssen wir bis in die Dörfer“. Aber hier wie dort gehe es nicht darum, „die Leute zu bespaßen“, sondern eine Botschaft zu transportieren. „Wir beide machen das zwar schrill und bunt, doch der Großteil der Teilnehmer ist in Jeans und Turnschuhen dabei.“

Gemeinsam schwenken sie Regenbogenfahnen, folgen den Trucks mit Partymusik, tragen Schilder mit der Aufschrift „Deine Stimme für Gleichstellung“ oder verteilen auch mal Bonbons und Kondome ans Volk.

Einer der schrilleren Gestalten ist auch Bert aus Hannover. Der 60-Jährige reist von CSD zu CSD, kommt gerade aus Frankreich und fliegt nächste Woche nach Manchester. In der Hansestadt ist er zum ersten Mal dabei und genießt die „familiäre Atmosphäre und die Stimmung“.

Und so geht es später beim Straßenfest mit Entertainer Ricardo M., viel Musik und einer abschließenden Kundgebung weiter. Ministerin Alheit dankt dort für die „phantasievolle Parade“, macht sich für Gleichstellung stark und betont: „Alle Familien sind gleich viel wert.“ Gefeiert wird noch bis in die Nacht: bunt, schrill — und politisch.

Seit 2007 aktiv
Der Verein Lübecker CSD hat sich die Förderung schwul-lesbischen Selbstbewusstseins auf die Fahnen geschrieben und besteht seit 2007. Der Christopher Street Day ist ein Gedenk-, Fest- und Demonstrations-Tag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern. Gefeiert und demonstriert wird für deren Rechte sowie gegen Diskriminierung und Ausgrenzung.

Cosima Künzel