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Lübeck Chinar will leben: Lübecker Ehepaar kämpft für kleine Kurdin
Lokales Lübeck Chinar will leben: Lübecker Ehepaar kämpft für kleine Kurdin
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18:53 28.02.2016
Ein Bild von Chinar aus unbeschwerten Tagen. Nach Aussage des in Lübeck lebenden Onkels geht es dem Mädchen schlecht. Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat
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Jargees Mustafa Ali muss kurz schlucken, Tränen steigen in seine Augen. Der Iraker, der seit einigen Jahren in Lübeck lebt, sorgt sich um seine kleine Nichte. „Chinar geht es sehr schlecht“, berichtet der Onkel, der jede Stunde bei der Familie seiner Schwester anruft. Jargees Mustafa Ali sitzt am Küchentisch von Inge und Helmut Schreiber. Das Lübecker Ehepaar hilft dem irakischen Nachbarn beim Kampf um das Leben und die Gesundheit der Neunjährigen.

„UKSH International bekommt jährlich Hunderte von Anfragen aus dem Ausland.“

Oliver Grieve (Sprecher des UKSH)

Chinar Hasan Mohammed Mohammed lebt mit ihrer Familie — Mutter, Vater und vier Geschwister — in einer kurdischen Region im Irak. Die Neunjährige ist an Blutkrebs erkrankt, benötigt dringend eine Knochenmarkstransplantation. Regelmäßig muss sie ins Krankenhaus in der Provinzhauptstadt Dohuk, wo sie Blutkonserven erhält. Die Familie hat für die Behandlung der jüngsten Tochter mittlerweile ihre gesamte Habe verkauft. „Die Familie lebt in einem Zelt“, berichten die Schreibers. 400 US-Dollar stehen ihr im Monat zur Verfügung — für die Zeltplatzmiete, Lebenshaltungskosten und die ärztliche Behandlung. Erste, grobe Kostenschätzungen für die medizinische Behandlung in Deutschland gehen aber bis zu 400000 Euro. Für Hasan Mohammed Mustafa Ali und seine Familie ist das unbezahlbar. Der Vater arbeitet als Soldat, die Mutter ist Hausfrau. „So etwas wie eine Krankenversicherung gibt es im Irak nicht“, erklärt das Ehepaar Schreiber.

„Wir haben kurz nach Weihnachten von dem Schicksal der kleinen Chinar gehört“, erzählt Inge Schreiber. In der Stargardstraße leben mehrere kurdische Familien. Die Schreibers haben gute Kontakte zu diesen Nachbarn. „Für viele Kinder sind wir Oma und Opa und für die Erwachsenen Inge und Helmut“, sagt das Ehepaar, „wir kümmern uns um die Sorgen und Nöte und helfen, so weit wir können.“

Chinars Fall wurde zu einer großen Herausforderung. „Wir haben uns schlau gemacht, wo wir Hilfe bekommen können“, erzählen die beiden, denen schnell schwant, „dass wir vor einem gewaltigen Berg Bürokratie stehen“. Zunächst schreibt das Ehepaar zahllose Stiftungen in ganz Deutschland an — die Franz-Beckerbauer-Stiftung, die Uwe-Seeler-Stiftung, die Hans-Rosenthal-Stiftung. die „Bild hilft“-Stiftung, die Commerzbank, bei der Schreibers ihr Konto haben, und auch die Possehl-Stiftung in Lübeck. Am 11. Februar wandte sich das Ehepaar per E-Mail an den deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD): „Das Kind braucht schnellstmöglich ein Visum, damit es nach Lübeck zu seinem Onkel kommen kann, wo es für die Zeit der Behandlung wohnen kann.“ Schon einen Tag später antwortete das Auswärtige Amt. Das Generalkonsulat in Erbil vergebe in dringenden Fällen schnell ein Visum, schrieb eine Mitarbeiterin des Außenministers. Nötig seien aber Ausweise, Arztberichte, ein Bericht des behandelnden Krankenhauses, dass es die Operation nicht vornehmen könne, und ein Einladungsschreiben der Uniklinik Schleswig-Holstein.

Zuständig ist UKSH International. Drei Mitarbeiter bearbeiten nach Auskunft von UKSH-Sprecher Oliver Grieve Hunderte Anfragen aus dem Ausland pro Jahr. Sie müssen die „in allen Sprachen dieser Welt“

verfassten Anträge übersetzen lassen und zum Teil „hochkomplexe Fälle“ betreuen. Mehrere Ärzte beugen sich über die Patientendaten. Wichtig seien aktuelle Befunde und präzise Diagnosen, sagt Grieve.

UKSH International befasst sich auch mit Chinars Fall, zu dem das Klinikum aber öffentlich keine Auskünfte geben darf.

Das Ehepaar Schreiber benötigt vom UKSH einen detaillierten Kostenvoranschlag, dann können sie die Stiftungen um konkrete Zuwendungen bitten. Ein Spendenkonto sei bereits über den Verein „Lübeck-Hilfe für krebskranke Kinder“ eingerichtet, erklären die beiden (Santander Bank Lübeck, Kennwort „Chinar Hasan“, Iban: DE15230101111139629000). Inge Schreiber: „Es geht um das Leben eines Kindes.“

Weitere Fälle

Haneen aus Bagdad (Irak) ist ein ähnlicher Fall wie der von Chinar, über den die LN im November 2004 berichteten. Die 13-Jährige litt an einer akuten Leukämie. Um die Chemotherapien zu bezahlen, verkaufte Haneens Familie ihr gesamtes Hab und Gut. Eine Lübeckerin erfuhr zufällig von dem Fall und schaltete sich ein. Der Verein „Lübeck-Hilfe für krebskranke Kinder“

richtete ein Spendenkonto ein, auf dem 25000 Euro eingingen. Behandelt wurde die junge Irakerin im UKSH Lübeck.

Anastasia aus Moskau litt unter einem komplizierten Darmverschluss. Mit acht Monaten wurde sie das erste Mal im UKSH Lübeck behandelt. Insgesamt war Anastasia vier Mal in Lübeck.

Die Aufenthalte wurden über Spenden finanziert, denn das Einkommen der Eltern reichte nicht, um die Kosten zu decken. Im Juli vergangenen Jahres berichteten die LN zuletzt über die junge Russin — „ein quickfideles Mädchen“.

Kai Dordowsky
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