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Lübeck „Dann sind wir wenigstens nicht allein“
Lokales Lübeck „Dann sind wir wenigstens nicht allein“
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21:21 23.12.2015
Zaungäste: Marco Carstens (v. l.), Klaus Raade und Angela Klipin auf dem Koberg. Quelle: Hanno Kabel

Jemand hat Vogelfutter ausgekippt hinter der Bank, die im Achteck um einen Baum steht, und das gefällt Klaus Raade (54) nicht. Er hat diesen Ort gern ordentlich. Es ist sein Wohnzimmer, sozusagen, in dem er sich mit seiner Familie trifft, sozusagen. „Wir haben schon einen Antrag beim Bürgermeister gestellt, dass er uns ein Überdach macht“, scherzt er, „aber da hat er sich nicht drauf eingelassen.“ Ein richtiges Wohnzimmer hat er nicht in seiner kleinen Wohnung, und eine richtige Familie hat er auch nicht. Nicht mehr. Seine Kinder hat er seit 13 Jahren nicht gesehen — von denen er siebeneinhalb im Gefängnis Lauerhof verbrachte.

Jetzt ist er Zaungast des Weihnachtsmarkts auf dem Koberg und verbringt seine Tage einen Steinwurf entfernt von den Familien auf dem Weihnachtsmarkt rings um das Riesenrad. Bei ihm sind Marco Carstens (38), den er in Lauerhof kennengelernt hat, und Angela Klipin (44), die auf dem Koberg zu ihnen gestoßen ist. Eine Art Familienersatz. Alle drei haben Kinder, die sie nicht sehen können, leben von Hartz IV und wollen der Einsamkeit entkommen. Sie sitzen zusammen, trinken Bier und reden, „über alles“, sagt Marco Carstens. Was sie brauchen, holen sie sich beim Discounter in der Großen Burgstraße. Meistens lässt man sie in Ruhe. „Letztens haben sie uns beschimpft: Wir sind Asis“, erzählt Carstens. „Ich sag: Kommt ihr erst mal in die Lage! Sie laufen doch auch hier mit‘m Glühwein rum, dann können wir hier unser Bier trinken!“

In der Weihnachtszeit ist die Sehnsucht besonders groß. Angela Klipin hat die Hoffnung nicht aufgegeben, ihre Kinder zu sich zu holen. Es ist ihr zweites Weihnachtsfest ohne sie. „Die Kinder sind mein Leben, im Grunde“, sagt sie. Marco Carstens ist früher, in einem anderen Leben, mit seiner Tochter selbst über den Lübecker Weihnachtsmarkt gezogen: „Da mal ‘ne Wurst gegessen, durch den Märchenwald gegangen, ein bisschen Dosenwerfen gemacht.“ Das eben, was alle tun — und was jetzt wie ein unerreichbares Glück erscheint.

Auch Carstens hat siebeneinhalb Jahre in Haft verbracht. „Dann kommst du raus und stehst vor dem Nichts“, sagt er. Manchmal verdient er sich auf dem Weihnachtsmarkt ein paar Euro bei einem Schausteller, den er von früher kennt. Die meiste Zeit gibt es nicht viel zu tun. „Was soll ich allein zu Hause sitzen? Hier hab‘ ich Kollegen, mit denen ich mich unterhalten kann.“ Manchmal versammeln sich zehn, elf Leute um die Bank, und nicht immer bleibt es friedlich. „Es gibt auch Leute, die Stress machen und pöbeln, wenn kleine Kinder vorbeilaufen“, sagt Klaus Raade. „Das find‘ ich eklig.“ Er verzieht sich mit seinen Freunden dann lieber. Manchmal trinken sie einen Kaffee im Café W.u.T. an der Untertrave, einer Begegnungsstätte für Arme und Obdachlose, manchmal gehen sie zu einem nach Hause. Den Weihnachtsmarkt können sie sich nicht leisten — nur einmal hat eine Freundin sie zum Punsch eingeladen.

Den heutigen Abend werden Klaus Raade, Marco Carstens und Angela Klipin zusammen verbringen. Sie kennen einen Ort, wo Menschen wie sie kostenlos ein Weihnachtsessen bekommen. „Dann sind wir wenigstens nicht allein“, sagt Marco Carstens.

Wenn welche
hier Stress machen, verziehen wir uns.“Klaus Raade (54)
Manche beschimpfen
uns als Asis.“Marco Carstens (38)

Hanno Kabel

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