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Lübeck Das Burgtor wird zur "Drumburg"
Lokales Lübeck Das Burgtor wird zur "Drumburg"
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19:08 08.01.2017
Quelle: Wolfgang Maxwitat
Lübeck

Durch diese Tür ist schon Thomas Mann gegangen, als er in den 1920er Jahren die Schriftstellerin Ida Boy-Ed besuchte, die im Burgtor ihren Lübecker Salon führte. Die legendäre Weberin Alen Müller-Hellwig wohnte hier bis 1991, anschließend ihre Nachfolgerin Ruth Löbe. Vorsichtig setzt man die Füße auf die Stufen der geschwungenen Holztreppe in der großen Eingangsdiele in Ehrfurcht vor den prominenten Vor-Gängern, doch für solch Sentimentalität haben die Neuen im Burgtor und angeschlossenen Zöllnerhaus nur selten Zeit: Marie-Louise Arndt, Max Zeidler und ihre drei Kinder wohnen seit einigen Wochen in den historischen Gemäuern. Oscar und Carl toben die Treppen rauf, Musikschüler stapfen in den dritten Stock, wo Max Zeidler in seiner „Drumburg“ Schlagzeugunterricht gibt. Das mehr als 500 Jahre alte Gemäuer inhaliert gerade jede Menge Energie und Lebenslust.

Die Frischzellenkur für das ehemalige Stadttor begann vor einigen Monaten. Nach dem Tod der Weberin Ruth Löbe vor einem Jahr wurde die städtische Immobilie öffentlich zur Miete ausgeschrieben: 600 Quadratmeter, zu füllen mit Leben und Ideen. Sieben Bewerber hatten ein Auge auf das Objekt geworfen, doch Marie-Louise Arndt und Max Zeidler überzeugten mit ihrem Konzept. Die beiden sind nicht nur Lübeck-Fans und haben eine besondere Beziehung zum Burgtor, sie wollen das Gebäude auch für Besucher öffnen.
Max, gelernter Musikalienfachhändler, freiberuflicher Musiker und Musiklehrer, kam schon als 17-Jähriger in das Jugendzentrum Burgtor, startete dort mit seiner Band, gründete den Verein „Live in der Burg“ und organisierte Musik events. Er unterrichtet für die Musik- und Kunstschule Lübeck, die Kreismusikschule Herzogtum Lauenburg und seine privaten Schüler, und er ist als Drummer in diversen Bands gebucht. Der 42-Jährige bezeichnet sich selbst als „Lübecker mit Mark und Bein“. Auch seine Frau Marie-Louise ist Lübeckerin, nach einem Umweg über Stockholm lebt sie seit zehn Jahren wieder hier und arbeitet in Hamburg als Prokuristin einer Kommunikations-Agentur.

Ihre Idee für das Burgtor: eine Kombination aus Wohnen, Arbeiten und öffentlicher Nutzung. Nachdem die Stadt die zum Teil sehr verwohnten Räume saniert hat, zogen Zeidlers im Oktober in das ehemalige Zöllnerhaus ein – hell und modern eingerichtet sind die Zimmer mit 1A-Blick auf die Lübecker Altstadt. Die Einliegerwohnung ist an eine Freundin vermietet. Im ersten Stock direkt über dem Torbogen stapeln sich noch Umzugskisten, an den Wänden prangt Zeitgeschichte: „Erdkarte 1939“, „Müllerleben 1940“, „Schwerterbehang 1937“ hat die Weberin Alen Müller-Hellwig an die Wand geschrieben. Hier standen ihre Webstühle, sie hat mit vielen Malern und Architekten wie Mies van der Rohe zusammengearbeitet und mit ihren Teppichen auf Weltausstellungen in Paris und Barcelona Aufsehen erregt.

Vom Verkehrslärm hört man hier im Turmsaal nichts, der neue Straßenbelag dämpft die Geräusche, auch im Burgtor wurden die Decken dick gedämmt. In diesem Raum sollen künftig kleine Konzerte stattfinden. „Ich kann mir Streicherquartette, Konzertgitarren, auch kleine Jazz-Events sowie Lesungen und Ausstellungen vorstellen“, sagt Max Zeidler. Auch der angeschlossene kleine Garten neben dem Zöllnerhaus kann für Veranstaltungen genutzt werden.

Im Turmraum darüber stehen jede Menge Schlagzeuge und Trommeln – hier unterrichtet Max Zeidler Schüler und probt mit seiner Band DEED, die demnächst ihre erste CD „Hidden Men“ herausbringt. Im obersten Stockwerk lagern Hölzer, Muster und Instrumentenkästen des Geigenbaumeisters Haat-Hedlef Uilderks, der das Holz des legendären Geigenbaues Günther Hellwig übernommen hat: Geschichte bis unters Dach.

Freude und Stolz liegen im Ausdruck der neuen Mieter, wenn sie durchs Haus führen. „Es ist, als würde ich hier schon immer wohnen. Vom ersten Tag fühlte es sich richtig und gut an“, sagt Max Zeidler. „Ich fühle mich hier total wohl, auch wenn ich nachts mal alleine bin. Eigentlich mag ich das nicht, aber hier fühle ich mich absolut sicher, das Haus strahlt Geborgenheit aus“, ergänzt seine Frau. Übrigens haben sich die beiden vor 15 Jahren im Jugendzentrum am Burgtor bei einem Konzert verliebt – nun lebt die Familie hier.

Was für ein Happy End.

Von Petra Haase

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