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Lübeck Das Ende des Hafenbetriebsvereins
Lokales Lübeck Das Ende des Hafenbetriebsvereins
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12:38 29.09.2018
Der Letzte stapelt die Stühle: Holger Wochnik (63), Betriebsratschef des insolventen Hafenbetriebsvereins (HBV). Quelle: Fotograf Lutz Roeßler
Lübeck

Alles, nur das nicht. Mit einer Insolvenz hatte keiner gerechnet. Schon gar nicht Betriebsratschef Holger Wochnik. Am 6. Juni 2016 lernte er eine bittere Lektion. Der Hafenbetriebsverein (HBV) kann doch pleite gehen. Und ab morgen gibt es ihn nicht mehr. Am 1. Oktober 2018 ist der HBV Geschichte.

Der letzte Tag des Hafenbetriebsvereins

Die Verteilerhalle ist fast leer. Keine der langen Holz-Bänke steht dort mehr. Nur ein paar Stühle sind aufeinandergestapelt. Vier lange schwere Tische. Das war’s. Es ist der letzte Tag beim HBV. Alle haben die Räume im Kesselhaus schon verlassen. Nur Wochnik nicht. Der Betriebsratschef steht in der Mitte des Raumes. Dort war die Hölle los – damals, als das Drama seinen Anfang nahm.

Quelle: Fotograf Wolfgang Maxwitat

Denkwürdiger Tag, der 6. Juni 2016

Überfüllt ist der Raum, vollgestopft mit Hafenarbeitern in orangefarbenen Hosen und Jacken. Die Männer sind stinksauer. Ihr Arbeitgeber hat Insolvenz angemeldet. Erfahren haben sie es von der Website der Lübecker Nachrichten. Wochnik auch. Es ist der 6. Juni 2016 am Nachmittag. „Es ging hoch her“, sagt Wochnik. Denn der HBV ist plötzlich auf Null gefahren. Insolvenz? „Das konnten wir uns nicht vorstellen.“ Denn der Hafenbetriebsverein ist ein Verein, dessen Mitglieder für ihn haften. Taten sie aber nicht. Sie haben nicht mehr gezahlt. Der HBV musste wegen Überschuldung und drohender Zahlungsunfähigkeit beim Amtsgericht Lübeck Insolvenz anmelden. Danach tauchte der Geschäftsführer ab. Zurück blieben Wochnik und 150 Hafenarbeiter.

Der Hafenbetriebsverein meldet Insolvenz an

Was war passiert? Der Hafenbetriebsverein verleiht Arbeiter, um Arbeitsspitzen im Hafen abzupuffern. Zu den Mitgliedern des HBV gehört die Lübecker Hafen-Gesellschaft (LHG), ein mehrheitlich städtisches Unternehmen. Allerdings: Die LHG war seit Jahren der einzige Hafenbetrieb, der HBV-Leute auslieh. Jetzt schlitterte die LHG aber selbst in die roten Zahlen, drei Großkunden gingen in Konkurrenz-Häfen. Die LHG brauchte die HBV-Leute nicht mehr – und zog die Reißleine. Der HBV meldete Insolvenz an. Am denkwürdigen 6. Juni 2016.

Klage gegen die Lübecker Hafen-Gesellschaft

Jetzt ging der Kampf erst richtig los. Keiner, der mit Fäusten ausgetragen wird. Keiner, der sich durch verbale Attacken auszeichnet. Sondern einer, wie ihn Juristen führen. Es wird Papier gewälzt. Das hat Wochnik getan. Der 63-Jährige kennt den HBV inwendig und auswendig. Mit 25 Jahren ist er als Hafenarbeiter zum HBV gekommen, seit 1987 arbeitet er im Betriebsrat, seit 1992 ist er der Vorsitzende. 30 Jahre macht er diesen Job. Und er hat in Akten gewühlt. Was er gesucht hat? Die Erlaubnis des HBV Hafenarbeiter überhaupt auszuleihen zu dürfen. Oder im Fachjargon: Die Genehmigung zur Arbeitnehmerüberlassung.

Die Insolvenz des Hafenbetriebsvereins (HBV) bewegte den Lübecker Hafen mehr als zweieinhalb Jahre.

Hafenarbeiter gewinnen vor Gericht

Jetzt hat Wochnik sie gesucht. Aber er hat sie nie gefunden. Denn es gibt sie nicht. Mit dieser Erkenntnis hat Wochnik die Jobs von 150 Hafenarbeitern gerettet. Denn der HBV war somit gar nicht berechtigt, Arbeiter an die LHG auszuleihen. Die LHG aber wäre in der Pflicht gewesen, dies zu überprüfen. So sieht es das Gesetz vor. Die HBV-Leute zogen vor das Lübecker Arbeitsgericht – im August 2016. Sie klagten gegen die LHG. Denn für die hatten die HBV-Leute mehr als ein Jahrzehnt gearbeitet, jetzt sollte die LHG sie fest übernehmen. Und sie gewannen. Im Januar 2017 entschieden die Richter für den HBV. Die LHG müsse die Arbeiter allesamt einstellen.

Arbeit im Hafen

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert gab es im Hafen nur Tagelöhner. Sie wurden jeden Tag aufs Neue nach Muskelkraft ausgesucht. Das änderte sich in Lübeck 1950. Die Arbeiter bekamen eine feste Anstellung beim Gesamthafenbetrieb. Der verteilte die Arbeiter dorthin, wo sie nötig waren im Hafen. So ist es bis heute in Bremen, Hamburg oder Rostock.

In Lübeck änderte sich das Konstrukt. Ab 1998 gibt es den Hafenbetriebsverein (HBV). Ein Verein, dessen Mitglieder Hafenbetreiber sind. Ihnen gehört der Verein, und sie beziehen die Leiharbeiter ausschließlich vom HBV. Formal wurde der HBV damit zu einer Leiharbeitsfirma wie jede andere auch. Das allerdings kam erst durch die Insolvenz heraus. Seit 1. April 2017 gibt es ein neues Gesetz. Das besagt, dass eine Leiharbeitsfirma einen Arbeiter maximal 18 Monate an denselben Arbeitgeber ausleihen darf. Damit hätte der HBV am 30. September 2018 in jedem Fall schließen müssen – auch ohne Insolvenz.

Hafenarbeiter haben neue Jobs

Das war ein Triumph für die Hafenarbeiter. Damit hatten sie gute Karten vor Gericht – und eine super Verhandlungsposition gegenüber der LHG. Denn der LHG ging es so schlecht, dass sie gar keine Zeit für lange Gerichtsprozesse hatte. Und außerdem brauchte sie auch Hafenarbeiter. Im Mai 2018 kam die Einigung – außerhalb des Gerichtssaals. Die LHG hat 78 HBV-Leute übernommen – zu alten Konditionen. 47 Hafenarbeiter haben eine Abfindung bekommen – und die meisten haben schon einen neuen Job. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so gut läuft“, gibt Wochnik zu. Gut 20 Hafenarbeiter sind schon vorher zum Hamburger Hafen gewechselt. Wochnik ist überzeugt: „Wir haben das Beste rausgeholt, was machbar war.“ Dafür hat er in der allerletzten Betriebsversammlung tosenden Applaus geerntet. Und Dankbarkeit. „Da konnte ich das Wasser nicht mehr halten.“

Josephine von Zastrow

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