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Das Ende eines Giganten

Lübeck Das Ende eines Giganten

Mehrere Hundert Jahre schützte ein Schutzwall Lübeck vor Angreifern — Im 19. Jahrhundert wurde er abgerissen.

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Angela Schlegel und Jan Lokers vom Stadtarchiv Lübeck studieren im Lesesaal die historischen Pläne der Befestigungsanlagen. Lutz Roeßler, Wolfgang Maxwitat (2), Lübecker Museen

Quelle: Fotos:

Innenstadt. Schicht um Schicht ragt der riesige Erdwall in die Höhe, dazwischen stehen Dutzende Arbeiter mit Schaufel und Spaten. Sie verschwinden beinahe neben den gewaltigen Sandmassen. Die Szene wurde um 1872 auf der Nördlichen Wallhalbinsel aufgenommen. Das Foto auf der LN-Titelseite am Freitag faszinierte viele Leser. Kein Wunder, denn so hatte kaum einer Lübeck bisher gesehen. Das Bild ist schließlich eine von über 400 seltenen historischen Aufnahmen, die ab heute in der Schau „Fotografie in Lübeck 1840 bis 1945“ im Museum Behnhaus/Drägerhaus gezeigt werden. Das Bild markiert einen Zeitpunkt, an dem sich das Lübecker Stadtbild entscheidend veränderte: Damals, mit der beginnenden Industrialisierung, wurden die letzten Reste des städtischen Schutzwalls abgetragen.

LN-Bild

Mehrere Hundert Jahre schützte ein Schutzwall Lübeck vor Angreifern — Im 19. Jahrhundert wurde er abgerissen.

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„Der Wall musste unter anderem auch wegen des Ausbaus der Hafenwirtschaft verschwinden“, sagt Jan Lokers, Leiter des Lübecker Stadtarchivs, „damit legte Lübeck einen Teil seines mittelalterlichen Kleides ab.“ Im Stadtarchiv lagern zahlreiche Pläne der Befestigungsanlagen, die über die Jahrhunderte immer wieder verändert wurden.

So wurde die Stadt um 1200 mit einer backsteinernen Stadtmauer gegen feindliche Angriffe geschützt. Später, mit dem Aufkommen schwerer Geschütze, brauchte Lübeck ein stärkeres Bollwerk:„Ab dem 16.

Jahrhundert erhielt Lübeck schwere Verteidigungsanlagen“, sagt Lokers. Rund um die Stadt legte man Wälle und Gräben an. Im Norden, Westen und Süden entstand mit der Zeit ein zusammenhängendes Bastionssystem, das gemeinsam mit dem Stadtgraben große Teile der heutigen Altstadt einschloss.

Doch im 19. Jahrhundert war damit Schluss: Bereits 1803 begannen die Lübecker mit der „Entfestigung“ ihrer Stadt. „Zur Bewürkung der durch die uns reichsgesetzmäßig beygelegte Neutralität entstehende Sicherheit“ beschloss der Lübecker Rat im Jahr 1803, die Schutzanlagen der Stadt abzureißen.

Der Grund: Man erwartete offenbar eine lange Friedenszeit. Innerhalb des Heiligen Römischen Reiches hatte Lübeck immer noch den Status einer autonomen Reichsstadt. Per Gesetz war der Stadt immerwährende Neutralität garantiert worden. Und so sah der Lübecker Rat keinen Nutzen mehr in den teilweise maroden Befestigungsmauern und den zugehörigen Wallanlagen.

Man verkaufte 243 Kanonen, die zuvor auf dem Festungswall postiert gewesen waren. Anschließend begann man mit dem Abriss der Schutzmauern. Dabei wurden unter anderem die Spitzen der 13 Bastionen, die wie Sternzacken aus dem Schutzwall rund um die Stadt ragten, abgerundet. Einzelne Wallabschnitte, etwa vor dem Burgtor, wurden beseitigt.

Doch der Frieden währte nicht lange: 1806 griffen die Truppen Napoleons Lübeck von der Nord-, Ost- und Südseite an und hielten die Stadt in den folgenden Jahren besetzt. Doch schon während der französischen Besatzungsherrschaft, die bis 1813 andauerte, wurde die Entfestigung Lübecks weiter fortgeführt — so wurden etwa äußere Stadttore abgerissen.

Für den Ausbau des Hafens, der an der Trave zwischen Braun- und Mengstraße lag, und den Ausbau des Eisenbahnnetzes wurde dann der größte Teil des Walls dem Erdboden gleichgemacht: Ab 1872 ging man daran, den über zehn Meter hohen aufgeschütteten Schutzwall zwischen Stadtgraben und Untertrave abzutragen. Das sandige Bollwerk erstreckte sich damals vom Holstentor im Westen bis zum Burgtor im Norden.

Heute zeugen nur noch die Wallanlagen im Süden vom einst gewaltigen Schutzmantel Lübecks. Sie wurden bereits im 19. Jahrhundert vom preußischen Gartenbaudirektor Peter Joseph Lenné zu einem Landschaftspark umgestaltet.

Die Ausstellung „Fotografie in Lübeck 1840-1945“ läuft noch bis Sonntag, 28. August. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr.

Besondere Foto-Schau

Über 400 historische Aufnahmen aus den Beständen der Lübecker Museen und aus Privatsammlungen werden zurzeit in der Ausstellung „Fotografie in Lübeck 1840-1945“ gezeigt. Die Aufnahmen datieren zwischen 1840 und 1945. Etliche werden zum ersten Mal in einer Ausstellung gezeigt.

Unter den Bildern sind auch zahlreiche Daguerreotypien. Erfunden wurde das Verfahren, bei dem Abbildungen einer aus der Camera obscura entwickelten Kastenkamera auf versilberte Metallplatten gebannt werden, 1839 von dem Franzosen Louis Jacques Mandé Daguerre. Seine Erfindung markierte den Beginn der massenmedialen Fotografie, auch in Lübeck fand die Technik kurz darauf Anwendung. Da es bei diesem frühen Foto-Verfahren keine Negative gab, ist jedes Bild einzigartig.

Doch die Schau zeigt nicht nur Fotos: Es gibt auch Gegenüberstellungen von Aufnahmen und Gemälden. So hängen etwa Fotografien von der berühmten Lübecker Familie Linde etwas abseits der Ausstellung gegenüber dem berühmten Gemälde des norwegischen Malers Edvard Munch.

Von Katrin Diederichs

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