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Lübeck Das Glasperlenspiel
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19:56 28.10.2017
Manuela Wutschke hat ihre Glasperlen-Werkstatt in Ratzeburg in einem Gartenhaus eingerichtet – hier kreiert sie am Brenner ihre kunstvollen, vielfarbigen Perlen.  Quelle: LUTZ ROESSLER
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Ratzeburg/Lübeck

Zäh wie flüssiger Honig zerfließt der Glasstab in der Flamme. Das über 1000° Celsius heiße Material legt sich wie ein Mantel, rot glühend, um einen Edelstahlstab, den Manuela Wutschke konzentriert in ihrer linken Hand dreht. Mit der rechten legt sie weitere Schichten des schwer tropfenden Glases um den Stab und baut so am Zweigasbrenner die Basis für eine Perle auf. Die Glaskünstlerin erschafft Schmuckstücke von transparenter Schönheit. Ihre Perlen leuchten in intensiven Farben, es sind – jede einzelne – kleine Kunstwerke, in die Blüten, Vögel, Tupfen, Linien, sogar kleine Edelsteine eingeschlossen sind.

Manuela Wutschke malt mit dem Glas, baut Schicht um Schicht Formen und Farben auf, arbeitet das Design einer Perle aus, baut Motive, ja ganze, fein ziselierte Szenerien ein. Wie Honig lässt sich das heiße Material zu feinen Fäden ziehen, die sie zu zarten Strukturen aufwickelt. Aus bis zu sieben Schichten besteht eine einzelne Perle. Dieser vielschichtige Aufbau schafft Reflektionen, Brechungen, erzeugt Tiefe und Transparenz und gibt den gläsernen Preziosen eine große Leuchtkraft. „Glas ist magisch“, sagt die 54-Jährige. „Es gibt mir die Möglichkeit, mit dem Licht zu spielen.“

Und es ist anspruchsvoll. Eine Perle muss in einem Stück angefertigt werden. Anders als Hartglas darf das Weichglas, mit dem sie arbeitet, zwischendurch nicht abkühlen. Die fertigen Glasperlen müssen in einem speziellen Temperofen ganz langsam heruntergekühlt werden, damit keine Spannungen und Risse in den Perlen entstehen.

„Glas fließt – und ich muss wirklich in einem Fluss daran arbeiten. Man kann alles daraus machen, aber man braucht Geduld, es verzeiht nichts und verliert seinen Glanz, wenn man zu schnell arbeitet“, erkärt die Künstlerin. Die dunklen Locken bändigt sie beim Formen der Perlen an der Flamme in einem Zopf; ihre Augen aber leuchten vor Begeisterung an der Arbeit mit dem herausfordernden und so facettenreichen Material. Sie hat viele Jahre gebraucht, um sich die Kunst seiner Verarbeitung anzueignen. „Das Glas hat mich gefunden“, sagt sie. 2004 war das. Im Internet hatte sie nach einer Glasvase als Geschenk gesucht, „und auf einmal waren da Glasperlen, die mich anstrahlten. Ich war sofort fasziniert!“

Die in Rumänien geborene Lehrerin, die Mitte der 90er Jahre nach Deutschland gekommen war, fand in Hamburg einen Kursus zum Herstellen von Glasperlen und erkannte: „Das ist meine Berufung!“ „In Windeseile“ hatte sie sich eine Erstausstattung zusammengekauft; sie flog in die USA und nach Irland, um die Techniken der besten Perlenmacher zu erlernen. In Deutschland gab es derzeit weder Werkstätten noch einen Markt für Glasperlen. Dabei waren sie schon im Mittelalter auch im Hanseraum ein begehrtes Handelsgut und die Kunst der venezianischen und byzaninischen Glasmacher bereits weltberühmt. Um überhaupt abschätzen zu können, was ihre Kunst wert ist, stellte Manuela Wutschke eine ihrer handgefertigten Perlen im amerikanischen Ebay zur Versteigerung – und erzielte sehr hohe Preise.

Ihre Werkstatt, die sie sich in ihrem Gartenhaus in Ratzeburg eingerichtet hat, ist inzwischen das kreative Zentrum ihres Lebens. Ihre Perlen verkauft sie vor allem in die USA; hierzulande entdecke man den Glasschmuck als „Kunst, die getragen werden kann“ gerade erst. Für sie selbst, sagt Manuela Wutschke, sei das Glas zu einem Fenster zur Welt geworden. „Es hat mein Leben bereichert.“

Die Ausstellung „Eingefangenes Licht – Glas | Objekt | Malerei“ von Manuela Wutschke im Berkentienhaus, Mengstraße 31, in Lübeck ist bis zum 23. November immer dienstags bis donnerstags von 11 bis 17 Uhr zu sehen.

Von Regine Ley

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