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Lübeck Das Museum auf der Straße
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00:59 12.12.2015
Ein Schuhflicker an einer Wand an der Kanalstraße, herauskopiert vom Original und vergrößert, hat eine gänzlich andere Wirkung.
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Innenstadt

Die Bilder sind aus Papier, sie halten Wind und Regen nicht lange stand, machen aber Graffiti Konkurrenz: Noch immer ist der Künstler unbekannt, der im Behnhaus Drägerhaus Originale vermutlich mit seinem Handy fotografierte, sie auf Papier druckte und mit Kleister an Fassaden klebte.

Gestern Nachmittag lud Behnhaus-Leiter Alexander Bastek zu einer Museumsführung der besonderen Art. Erst zeigt er im Behnhaus die Originale und interpretiert sie, dann führt er die Museumsbesucher zu Nachdrucken an der Kanalstraße, bei St. Petri, beim Werkhof und in der Hundestraße, die dort an Mauern kleben. Tesafilmstreifen machen deutlich, dass so manche Lübecker den Verfall der sechs Bilder mit Sorge betrachten.

Die 14 Teilnehmer dieser ungewöhnlichen Kunstführung sind begeistert. „Das ist phantastisch, es sollte viel mehr dieser Bilder in der Stadt geben“, sagt eine Frau. Eine andere will dem Bild vom Schuhflicker, das an einer Mauer beim Werkhof klebt, ganz nahe sein: „Ich muss das mal anfassen“. Im Behnhaus ist das Bild von den ärmlichen „Schuhflickern in Kairo“, 1891 von dem Lübecker Künstler Hermann Linde gemalt, eine ziemlich prächtige Angelegenheit. Doch der herauskopierte und vergrößerte Schuhflicker am Werkhof ist ein einsamer. Er verweilt dort zwischen einer Mülltonne und einem Elektrokasten in einer Schmuddelecke; und seine Armut, die im Behnhaus eher erträglich ist, ist jetzt ziemlich real.

Wie sich doch Blickwinkel und Einsichten verändern können — und wie subjektiv Malerei ist. Das wird auch deutlich bei dem Porträt der Lübeckerin Maria Bademann, geborene Testorpf, 1785 von einem Lübecker Meister gemalt, ausgestellt im Behnhaus. Die vornehme Dame sitzt dort wohlgefällig im Salon. Und ein kleiner Hund, ein „Rokoko-Schoßhündchen“ (Zitat Bastek), sitzt neben ihr, verzogen, verblödet, vielleicht auch ängstlich. Dieser Hund würde in freier Wildbahn keine Stunde überleben. Aber der selbe Hund, herauskopiert aus dem prunkvollen Gemälde, klebt jetzt — völlig befreit von Frauchen — an einer Mauer in der Hundestraße; wo auch sonst. Dort hat dieser Hund eine gänzlich andere Aura: Er ist frech und schlau, hat einen verschmitzten Blick. Er ist ein Straßenköter, der weiß wo‘s langgeht. Es lebe die Kunst.

Andere Umwelt, anderer Blickwinkel. Die Straßenbilder sind allesamt Kopien von Bildern aus dem Behnhaus, aber sie sind gänzlich anders. Museumschef Alexander Bastek macht bei seiner Führung keinen Hehl daraus, dass er von der Aktion des unbekannten Künstlers (Bastek: „Ich war es nicht“) begeistert ist. Ohne die Originale wüsste man nicht, wo diese sogenannten Outings herkommen. Er ist sich ziemlich sicher, was den Aktionskünstler umtreibt: „Kunst muss raus ins Leben.“ Doch Bastek freut sich berufsbedingt, dass diese Open-Air-Kunst nun dazu führt, dass jetzt auch Menschen ins Museum kommen, die normalerweise dort nicht wären, jetzt aber die Originale sehen wollen.

Ute Venzlaff, die an der Führung zu den Straßenbildern teilnimmt, möchte noch mehr solcher Bilder auf Lübecker Fassaden prangen sehen. Sie gehe zwar schon immer mit offenen Augen durch die Stadt, jetzt nehme sie die Fassaden der Altstadt aber noch deutlicher in Augenschein — auf der Suche nach Bildern. Und Annegret Barckhausen ist wie alle anderen Teilnehmer der Führung begeistert: „Ich finde das total interessant, denn ich erfahre etwas über die Bilder.“

Die Bilder-Aktion des unbekannten Künstlers hat der Hansestadt zu einer bundesweiten Medienpräsenz verholfen. Das freut den Bürgermeister. Bernd Saxe: „Ich bin dem Künstler außerordentlich dankbar.

Wenn er sich zu erkennen gibt, lade ich ihn ins Rathaus ein.“

Offizielle Outing-Aktion mit Edvard-Munch-Bild
750 Plakate vom weltberühmtem Edvard-Munch-Gemälde „Die Söhne des Dr. Max Linde“ werden ab Dienstag vom Museum Behnhaus Drägerhaus verschenkt. Verwundert ist das Museum, dass die Linde-Kinder als populärstes Motiv des Museums von dem unbekannten Straßenkünstler noch nicht „geoutet“ wurden. Wer mag, kann sich im Behnhaus (Königstraße 9-11) ab Dienstag kostenlos einen Papierabzug (Größe: DIN-A-0, beschichtet) von Lübecks berühmtestem Gemälde abholen: Outing-Fans können dann Teile des Bildes an die Mauern ihrer eigenen Häuser kleben. Bitte Fotos machen, ans Museum schicken oder auf der Facebook-Seite des Museums posten.
Kunst für alle
Kunst will Gedanken in Bewegung setzen, Emotionen schüren. Kunst will verändern. Das ist dem unbekannten Künstler gelungen, der einzelne Darstellungen von im Behnhaus Drägerhaus ausgestellten Originalen fotografiert, kopiert und vergrößert hat und diese Bilder an Altstadtfassaden und -mauern klebt. Menschen gehen ins Museum, um die Bilder im Original zu betrachten, sie streifen durch Altstadtgassen, auf der Suche nach dieser Fassadenkunst. Und sie stellen fest, dass die Bilder an den Mauern eine gänzlich andere Wirkung haben als die Originale im musealen Raum;
welche Wirkung stärker ist, bleibt jedem selbst überlassen. Kunst ist Freiheit. Die vergänglichen Fassadenbilder zerstören keine Wände, sie bewahren den Geist.


Torsten Teichmann (62) über Outing, die neue Kunstform an Lübecker Gebäuden

Torsten Teichmann

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