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Lübeck Das „fliegende Auge“ erkundet den Petri-Turm
Lokales Lübeck Das „fliegende Auge“ erkundet den Petri-Turm
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15:06 13.11.2013
Von Michael Hollinde
Der Flugroboter kann dank GPS und Höhenmesser leichte Windstöße ausgleichen und selbstständig in der Luft stehenbleiben. So gelingen die hochauflösenden Fotos.
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Lübeck

Liane Kreuzer ist sehr zufrieden. Die Chefin der Bauabteilung des Kirchenkreises blickt auf die farbige Großaufnahme, die ihr Andreas Bruschke in die Hand gedrückt hat. Backsteinziegel für Backsteinziegel der Petri-Turm-Fassade ist lupenrein zu sehen, im Maßstab eins zu 25, und Fuge für Fuge. „Diese Bilder sind als Grundlage für eine detaillierte Schadenserhebung immens wichtig“, sagt die Expertin. Und erst wenn diese Bestandsaufnahme per Kamera abgeschlossen und ausgewertet ist, weiß der Kirchenkreis, welche Kosten genau auf ihn bei der Petri-Sanierung zukommen werden. „Ob es also bei den kalkulierten 2,8 Millionen Euro bleibt oder nicht“, so Kreuzer.

Andreas Bruschke ist Geschäftsführer der Messbildstelle mit Sitz in Dresden und mit seinem Team spezialisiert auf diese Art der Datenanalyse, der sogenannten Photogrammetrischen Dokumentation. „In Vorbereitung so einer nachhaltigen Sanierung werden alle Fassadenflächen des 36 Meter breiten Petri-Westwerks gründlich von uns aufgenommen. Gleichzeitig wird dieser Bereich aber auch genau vermessen“, erklärt der Ingenieur. So werden räumliche und konstruktive Zusammenhänge, Schiefstellungen und Verformungen offengelegt, so dass alle Schäden erfasst und die entsprechenden Sanierungsmaßnahmen geplant werden könnten, fügt er hinzu. Und die Referenzliste der Fachleute aus Sachsen ist lang — angefangen beim Berliner Dom über den Dom im italienischen Siena bis zu Tempelanlagen im Sudan und in Indien.

Um an die nötigen Bild-Daten zu kommen, muss Bruschke allerdings auf eine besondere Dienstleistung zurückgreifen. „Schließlich ist eine möglichst frontale Position vor der Fassade vom Boden bis zur Aussichtsplattform notwendig, um den Zustand des Mauerwerks genau sehen zu können. Das kann ein einzelner Fotograf aber nicht leisten“, erklärt der Fachmann, der seit 31 Jahren in der Vermessungstechnik zu Hause ist. Bei Burgen und Schlössern auf hohen Bergen und natürlich genauso bei hohen Kirchtürmen müsse sich das Kamerateam entsprechender Hilfsmittel bedienen. „Eine Arbeitsbühne, wie wir sie sonst oft benutzen, oder ein Helikopter kommt bei St. Petri mit einer Turmhöhe von 108 Metern und der Lage mitten in der Altstadt nicht in Frage. Daher haben wir auf eine Flugdrohne zurückgegriffen.“

Und „Pilotin“ Beate Gerstenkorn steuert so eine. Mit ihrer Funkkonsole steht sie vor dem „fliegenden Auge“ — dem Oktokopter, der über acht Elektromotoren und ebenso viele Rotorköpfe verfügt. Etwa zwölf Minuten lang fliegt er, mehr gibt der Akku nicht her. Die Kamera ist auf der kleinen Plattform des Flugobjektes fixiert. „Einen Teil der Fassade haben wir bereits abgeflogen“, sagt die Geschäftsführerin von supra-terram, so der Name der Strausberger Firma für „Professionelle Luftbild- und Videoaufnahmen“. Man sei auf gutes Wetter und gute Sicht angewiesen; zudem könne nur bis maximal Windstärke vier gefahrlos geflogen werden. Ihr Kollege und Kameramann Jörg Richter merkt an: „Für jeden Aufstieg — das geht bis 200 Meter hoch — unseres Flugroboters benötigen wir jeweils eine Genehmigung durch die zuständige Landesluftfahrtbehörde.“

Als die knapp fünf Kilogramm schwere und 25 000 Euro teure Flugdrohne schließlich abhebt, verfolgen Liane Kreuzer und Andreas Bruschke den Flug zufrieden auf dem Video-Display der Steuerungskonsole. Sie sind zuversichtlich, dass bis zum Sommer alle notwendigen hochauflösenden Aufnahmen, mit denen auf Millimeter genau vermessen werden kann, zusammengefügt werden können. „Der Anspruch ist, dass man alles erkennen muss, so dass anschließend Architekt, Statiker, Bauforscher auf dieser Grundlage weiter arbeiten können“, sagt Bruschke.

Wann genau das fliegende Auge wieder über Lübeck zu sehen sein wird, ist wegen der Wetterverhältnisse noch unklar. Wenn alles klappt, könnten die Aufnahmen von St. Petri aber in der kommenden Woche vervollständigt werden.

Bereits 457 391 Euro für St. Petri gespendet
2,8 Millionen Euro werden für die Sanierung der Innenstadtkirche St. Petri in den kommenden Jahren benötigt. Ob es bei dieser kalkulierten Summe bleibt oder nicht, soll unter anderem anhand der Aufnahmen des Oktokopters festgestellt werden.
357 391 Euro sind durch die Spenden von Bürgern und Unternehmen seit Beginn der Spendenkampagne bereits zusammengekommen. Zuletzt gab es eine Großspende (über 10 000 Euro) eines Hamburger Unternehmens.
100 000 Euro hat die Gemeinnützige Sparkassenstiftung zugesagt.

Michael Hollinde

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