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Lübeck „Das müssen sie jetzt hinbekommen“
Lokales Lübeck „Das müssen sie jetzt hinbekommen“
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20:13 09.12.2017
Jenny Scharfe zog aus Berlin nach Lübeck. Quelle: Foto: Dirk Silz

Frau Scharfe, die Bürgerschaft hat die Reduzierung und Vereinheitlichung der Schließzeiten in Kitas und in der Schulkindbetreuung beschlossen. Haben Sie das nach neun Monaten Kampf erwartet?

Kommunikationsprofi

Jenny Scharfe (36) ist in Oschatz/Sachsen geboren und hat in Leipzig Kommunikation und Medien studiert. Aktuell arbeitet sie als Projektleiterin in der Windenergiebranche in Lübeck, vorher war sie zehn Jahre bei Siemens, betreute ein Kraftwerk in der Türkei. Jenny Scharfe ist verheiratet und erwartet das dritte Kind.

Jenny Scharfe: Nicht so schnell. Ich war aber fest davon überzeugt, dass es dazu kommen muss, weil es in Lübeck bisher mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht funktioniert.

Erklären Sie doch einmal, was eigentlich das Problem mit den Schließzeiten ist.

Das Problem ist, dass jede Einrichtung an 30 Tagen im Jahr zumachen darf, die Zeiten aber von Einrichtung zu Einrichtung verschieden sind. Es kann passieren, dass mein Kita-Kind in den ersten drei Wochen der Sommerferien zu Hause ist, und mein zweites Kind, das in der Grundschulbetreuung ist, ist in der zweiten Hälfte der Sommerferien zu Hause. Entweder kann ich gar nicht erst Vollzeit arbeiten gehen – oder ich kann mit meiner Familie keinen gemeinsamen Urlaub machen.

Sie haben sich mit Ihrem Mann die Schließzeiten geteilt?

Ja, dadurch haben wir getrennt Urlaub gemacht. Und wir haben dann ganz oft die Kita gewechselt, bis die Zeiten zusammenpassten.

Warum haben sich das die Familien in Lübeck so lange bieten lassen?

Das hat mehrere Gründe. Wer arbeitet und Kinder hat, bringt oft nicht Kraft, Zeit und Durchhaltevermögen für den politischen Kampf auf. Es gab wenig Druck, es wurde wenig in den Medien berichtet.

Das Thema war bei den Politikern kaum bekannt. Es kommen immer mehr junge Eltern aus den neuen Bundesländern nach Lübeck, die einen Standard gewohnt sind, dass eine Mutter Vollzeit arbeiten gehen kann. Ich bin auch mit dieser Erwartung hergekommen. Auch aus Hamburg ziehen junge Familien hierher, auch die kennen einen anderen Standard.

Wann haben Sie sich entschlossen, etwas zu unternehmen?

Im März. Ich habe mich zunächst vom Frauenbüro beraten lassen. Der Rat lautete: Erst einmal alle Politiker im Jugendhilfeausschuss ansprechen. Nebenbei habe ich eine Facebook-Gruppe gegründet, um andere Eltern zu finden und die Unterschriftenlisten zu verteilen. Wir haben jetzt 500 Mitglieder, nicht nur Eltern, auch Politiker, Kita-Leiterinnen und Erzieherinnen.

Auch Politiker von CDU, BfL und FDP?

Ja, von allen drei Parteien sind Politiker in der Gruppe.

Welche Reaktionen haben Sie erhalten? Gab es auch Anfeindungen?

Zustimmung kam von Eltern. Politiker haben oft erklärt, die Kommune hätte nicht das Geld dafür, das sei Sache von Bund und Land. Anfangs waren die Kita-Leiterinnen und die Erzieherinnen dagegen, weil sie Angst hatten, dass wir ihnen Urlaub wegnehmen und den Betreuungsschlüssel gefährden. Die konnten wir aber mit unseren Argumenten überzeugen. Richtige Probleme gab es mit Bildungssenatorin Kathrin Weiher, die mir vorgeworfen hat, die Unterschriftensammlung in den Kitas sei rechtswidrig gewesen. Deshalb sind wir mit unserer Unterschriftensammlung zum Bäcker oder in die Musikschule gegangen.

Führen Sie den Erfolg auf die Wahlkämpfe zurück?

Der Bürgermeister-Wahlkampf hat erheblich dazu beigetragen. Ohne den Wahlkampf hätte es wesentlich länger gedauert. Wir sind in alle Fraktionssitzungen gegangen, bei den Grünen haben wir eine Expertinnenrunde besucht.

Ab wann hatten Sie das Gefühl: Jetzt sind wir am Ziel?

Es gab drei Punkte, die uns Hoffnung gegeben haben. Einmal die Kitabefragung von Senatorin Weiher, bei der herauskam, dass ein Viertel der Eltern unzufrieden ist. Das war der Beweis, es muss etwas getan werden. Zweiter Punkt: Im Jugendhilfeausschuss hat Senatorin Weiher ein Modell zu den Schließzeiten vorgelegt. Ich dachte: Wow, der erste Schritt in die richtige Richtung. Drittens habe ich unheimlich viele Eltern kennengelernt, die sich engagiert haben.

Die Reform kostet die Stadt rund zwei Millionen Euro im Jahr. Haben Sie jetzt ein schlechtes Gewissen?

Nein. Es gibt eine Menge Studien, die belegen, dass jeder Euro vierfach zurückkommt. Mütter können arbeiten und Steuern zahlen. Sozialleistungen fallen weg. In anderen Bundesländern sind wenige Schließtage Standard.

Wie geht es konkret weiter?

Ich hoffe, dass sich Verwaltung, Träger, Politiker und Elternvertretungen an einen Tisch setzen, um die ideale Umsetzung zu vereinbaren. Die freien Träger sind sauer, weil sie sich zu wenig eingebunden fühlen und Angst haben, dass sie die Reform ausbaden müssen.

Die Anbieter müssen doch nur ihre Dienstpläne ändern.

Sie müssen ein bisschen mehr Personal einstellen und die Dienstpläne ändern. In den zwei Millionen stecken 1,8 Millionen Personal- und 200000 Euro Sachkosten. Für kleine Einrichtungen wird es eine Herausforderung, aber das müssen sie hinbekommen.

Wie groß ist die Gefahr, dass spätestens im Sommer 2019 die Lübecker Wirtschaft zusammenbricht, weil alle Eltern mit kleinen Kindern gleichzeitig Urlaub machen?

Die Gefahr sehe ich nicht. Das Argument kam auch nie aus der Wirtschaft, sondern von den Kita-Anbietern.

Interview: Kai Dordowsky

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