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Lübeck Das traurige Ende des Florian Gille
Lokales Lübeck Das traurige Ende des Florian Gille
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20:13 09.09.2016
Germaine Pavlova 2012 bei ihrem ersten Besuch an der ehemaligen Grabstätte Gilles auf dem Burgtorfriedhof in Lübeck. Quelle: hfr

Auf der Grabstelle Marien 6/2 des Burgtorfriedhofs wachsen ein paar kümmerliche Buchsbaum-Büschchen, zwei Ahornpflänzchen und wuchernder Efeu. Irgendwo darunter liegt das, was nach 150 Jahren noch übrig sein mag vom Leichnam des russischen Staatsrats Florian Gille, der in Lübeck mehr als ein Jahr lang vergeblich darauf wartete, dass sein Schicksal sich zum Besseren wende. Nichts erinnert hier an den unglücklichen Menschen, der sich in der Nacht auf den 11. November 1865 im Hotel Stadt Hamburg am Klingenberg erschoss. Die Historikerin Germaine Pavlova (78) will das ändern. Sie will Florian Gille ein Denkmal errichten. Oder wenigstens einen Grabstein.

Der russische Staatsrat brachte sich 1865 in Lübeck um – Historikerin Germaine Pavlova will sein Andenken ehren.

„Er hatte in Lübeck sicher ein gesellschaftliches Leben und Kontakt zu Aristokraten.“ Germaine Pavlova, Historikerin

In gewisser Weise ist Germaine Pavlova seine Nachfahrin: Sie war Chefkuratorin der Buchabteilung der Eremitage in St. Petersburg, bevor sie vor 39 Jahren in die USA auswanderte. Die Eremitage ist eines der größten Kunstmuseen der Welt und steht auf der Unesco-Welterbeliste. Gille war von 1840 bis 1860 stellvertretender Direktor des Museums, zuständig unter anderem für die Buchsammlung – und spielte nach Pavlovas Recherchen eine entscheidende Rolle dabei, die Eremitage als erstes Museum in Russland der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nach Pavlovas Auffassung war er der eigentliche Kopf des Museums.

Geboren wurde er als Florent-Antoine Gille 1801 in Genf. Fast sein ganzes Leben als Erwachsener aber verbrachte er in Russland. Mit 24 Jahren wurde er Lehrer des russischen Thronfolgers, des späteren Alexander II. Zwölf Jahre lang gehörte er zum Hofstaat und begleitete den Kaisersohn auf allen Reisen. 1840 wurde er Leiter der Ersten Abteilung der Eremitage.

Doch als sein Schüler den Thron bestieg, sank Gilles Stern bei Hof. 1860 verlor er sein Amt als Abteilungsleiter. Tief enttäuscht verließ er 1864 Russland. „Er wusste nicht, was er tun sollte“, sagte Germaine Pavlova. „Er war ganz allein.“ Gille hatte weder Frau noch Kinder. Nach Genf wollte er nicht zurück. Er strandete in Lübeck – damals für viele wohlhabende Russen die erste Station im westlichen Ausland. Sie nutzten die direkte Schiffsverbindung, die seit 1829 Lübeck mit St. Petersburg verband. Ihr bevorzugtes Quartier war das Hotel Stadt Hamburg am Klingenberg, damals das beste und teuerste Haus in Lübeck.

Geld war nicht Gilles Problem. Doch der 63-jährige Mann wusste offensichtlich nichts mit sich anzufangen. Warum sonst hätte er mehr als ein Jahr in einem Hotel in der fremden, für ihn kleinen Stadt Lübeck ausgeharrt? „Er hatte sicherlich ein gesellschaftliches Leben“, sagt Germaine Pavlova. „Wahrscheinlich hatte er Kontakte zu anderen russischen Aristokraten.“

Er schrieb einen langen Brief an seinen ehemaligen Schüler Alexander II., in dem der Satz stand: „Die Eremitage ist der einzige Sinn meines Daseins.“ Doch dieser Brief scheint den Kaiser nie erreicht zu haben. Germaine Pavlova ist überzeugt, dass alles – von der Amtsenthebung bis zum Abfangen des Briefs – auf eine Intrige eines Rivalen an der Eremitage zurückgeht. Im Herbst 1865 glaubte Florian Gille selbst wohl nicht mehr daran, dass Alexander II. ihm noch antworten würde. Am Morgen des 11. November 1865 gegen neun Uhr wurde er erschossen auf Zimmer 17 des Hotels Stadt Hamburg gefunden. Ein Zeitzeuge berichtete von einer großen Begräbnisfeier in der Marienkirche. Erst zwei Jahre später wurde Gilles Tod in Russland bekannt.

Germaine Pavlova befasst sich seit Jahrzehnten mit dem Schicksal ihres unglücklichen Vorgängers. Vor vier Jahren kam sie zum ersten Mal nach Lübeck. Mit Hilfe des Stadtarchivs fand sie den Ort, an dem Gille begraben lag, und besuchte die Stelle mit einer Archivarin. Inzwischen war das Grab aufgelöst und wieder belegt worden. Nichts erinnert mehr an Gille. „Danach sind wir in den Ratskeller gegangen – weil ich sicher war, dass er dort immer gegessen hat“, erzählt sie. „Es war eine Art mystische Erfahrung – als könnten wir den Geist Florian Gilles spüren.“

Zu seinem 150. Todestag kam Pavlova wieder nach Lübeck – und stellte fest, dass das Grab inzwischen nicht mehr belegt war. Sie ergriff die Gelegenheit und bezahlte das Geld dafür, die Grabstelle 20 Jahre zu erhalten und einen Stein mit Inschrift aufzustellen. Doch sie will mehr: ein richtiges Denkmal. Die Eremitage hat sie schon angeschrieben. Dort findet man die Idee zwar gut, will aber kein Geld geben. Jetzt sucht sie einen Geldgeber in Deutschland: „Der Geist Gilles sagt mir, dass es nach 150 Jahren an der Zeit ist, an ihn zu erinnern.“

Hanno Kabel

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