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„Das wird einen weiteren Schub geben“

Jan Lindenau im Gespräch „Das wird einen weiteren Schub geben“

Mit Jan Lindenau (SPD) besteigt nach 41 Jahren wieder ein gebürtiger Lübecker den Chefsessel im Rathaus. Sein junges Alter sei kein Nachteil, ist der 38-jährige Bankkaufmann überzeugt, denn in dem Amt brauche man Durchsetzungsvermögen und Kreativität. Lindenau verspricht den Bürgern, dass sie künftig nicht mehr von Baustellen überrascht werden.

Lindenau verspricht den Bürgern, dass sie künftig nicht mehr von Baustellen überrascht werden.

Quelle: Roessler

Lübeck. Herzlichen Glückwunsch. Sie sind Lübecks neuer Bürgermeister – wie fühlt sich das an?
Jan Lindenau: Gut fühlt sich das an. Ich habe dafür gekämpft, Lübecks Bürgermeister zu werden – und wenn man ein Ziel erreicht hat, freut man sich.

LN: Sie liegen nur knapp mit 964 Stimmen vorne. Warum haben Sie gewonnen?
Lindenau: Ich glaube, mein Konzept zum Bürgerservice ist schlüssiger als das, was Kathrin Weiher vorgetragen hat. Und ich habe auch sehr oft gehört, dass die Menschen sich nach 41 Jahren wieder einen Lübecker als Bürgermeister wünschen.

LN: Seit 1988 stellt die SPD den Bürgermeister. Dennoch haben die Wahlergebnisse gezeigt: In Lübeck gibt es eine Wechselstimmung. Wie wollen Sie als Vertreter einer alten Partei eine neue Linie fahren?
Lindenau:  Wir haben mit dem Wahlkampf gezeigt, dass wir anders auftreten können und anders denken. Und die Erneuerung der Partei findet gerade auch bundesweit statt. Das wird einen weiteren Schub geben.

LN: Warum haben Sie damit nicht schon während Ihrer fünf Jahre als Fraktionschef angefangen?
Lindenau:  Das habe ich. Beispiel Bildungsfonds: Den habe ich mitinitiiert – ein bundesweites Vorbild für viele Kommunen. Da sieht man, dass wir Neues machen in Lübeck.

LN: Posten vergeben ist eine alte Tradition in ihrer Partei. Setzen Sie die fort?
Lindenau: Im Moment weiß ich nicht, welchen Posten ich vergeben könnte. Aber zu einem guten Wirken gehört immer ein gutes Team. Für mich geht es da mehr um Kompetenz und weniger um Parteipolitik.

LN: Ihr großes Versprechen ist: Sie eröffnen die Stadtteilbüros. Wann macht das erste auf?
Lindenau:   Ich fange zum 1. Mai als Bürgermeister an. Es braucht ein bisschen Zeit, um den Standard zu erreichen, den ich mir vorstelle. Daher gehe ich davon aus, dass es spätestens Anfang 2019 soweit sein wird.

LN: Die SPD hat die Stadtteilbüros geschlossen. Da haben Sie einen Fehler eingeräumt.
Lindenau: Für mich war das ein gravierender Fehler, so entschieden zu haben. Wenn man einen großen Fehler erkennt, muss man deutlich machen, dass man das ändern will.

LN: Die Possehlbrücke ist ihr zweites großes Versprechen. Wann fließt der Verkehr wieder auf zwei Spuren?
Lindenau:   Wir brauchen eine schnelle Lösung mit der Baufirma. Wenn man aus heutiger Sicht nicht verbindlich sagen kann, dass die Possehlbrücke in zwölf Monaten fertig ist und der Verkehr in beide Richtungen gleichzeitig fließt, dann müssen wir eben jetzt über eine Ersatzbrücke nachdenken.

LN: Egal, was es kostet?
Lindenau: Natürlich muss es wirtschaftlich bleiben. Aber alle Erkenntnisse, die ich habe, gehen nicht in die Dimension, dass ein Ersatzbau unrealistisch wäre.

LN: Zur Bürgerschaft: CDU, BfL, FDP, Linke und Grüne haben sich gegen Sie zusammengeschlossen und wollten mit ihrer Kandidatin Kathrin Weiher (parteilos) auch die Vormacht der SPD brechen. Wie wollen Sie mit denen jetzt als Bürgermeister zusammenarbeiten?
Lindenau: Ich glaube, es wird ein Umdenken stattfinden. Ein Anti-Bündnis überzeugt die Menschen nicht. Das hat der Wahlkampf gezeigt. Es geht den meisten um Inhalte.

LN: Wer wird Ihr Nachfolger als Fraktionschef der SPD?
Lindenau: Ich gehe davon aus, dass wir Anfang Januar einen neuen Fraktionschef haben werden. Dann werde ich das Amt niederlegen. Denn es ist zwingend erforderlich, dass wir zur Kommunalwahl im Mai in einen Wahlkampf gehen mit einem neuen Fraktionschef, der dann auch Spitzenkandidat wird.

LN: Haben Sie schon jemanden im Blick?
Lindenau: Selbstverständlich.

LN: Ihre ewige Konkurrentin Kathrin Weiher wird weiter im Senat sitzen. Sie werden ihr Chef – kann das gut gehen?
Lindenau:   Das kann sehr gut gehen. Frau Weiher ist jemand, der aus dem Herzen heraus etwas bewegen will – da sind wir uns sehr ähnlich. Die Frage ist, welchen Weg wählt man, um Dinge umzusetzen. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass das in der Zusammenarbeit gut klappt.

LN: Mit 38 Jahren werden Sie Chef von 3500 Mitarbeitern in der Verwaltung. Einige halten Sie für zu jung. Ihr Gegenargument?
Lindenau:   Ich glaube, es ist keine Frage des Alters, sondern von Durchsetzungsvermögen und Kreativität. Beides bringe ich mich. Daher glaube ich, es wird gut funktionieren.

LN: Sparen war kein Thema im Wahlkampf. Hören Sie damit auf?
Lindenau:   Sparen war schon mein Thema. So will ich die frei werdenden Stellen in der Verwaltung nicht alle wieder besetzen, sondern durch die Digitalisierung einsparen. Das ist eine rentierliche Investition. Es wird eine andere Sparpolitik werden, eine Modernisierung der Verwaltung, an deren Ende dann eine Kosteneinsparung stehen kann.

LN: Wo wollen Sie noch sparen?
Lindenau:  Die Strukturen in den städtischen Gesellschaften möchte ich mir anschauen. Wir haben viele Doppelstrukturen wie Personalabrechnungen, Buchhaltung. Das macht jede Gesellschaft für sich. Da gibt es Potenzial. Auch beim Gebäudemanagement müssen wir genau schauen: Was sind gemietete Objekte, was Bestandsimmobilien, wo sind Leerstände? Auch da ist noch viel Potenzial.

LN: Und wie wollen Sie den Schuldenberg Lübecks klein kriegen?
Lindenau: Den langfristigen Schuldenberg von 1,5 Milliarden Euro können wir am besten handhaben, weil wir Zinsen gesichert haben mit langfristigen Krediten. Die oberste Priorität bei mir wird auf dem Abbau von Kassenkrediten liegen – dem Dispo der Stadt. Der liegt aktuell bei 240 Millionen Euro. Da haben wir ein höheres Zinsrisiko, weil die Zinsen sich kurzfristig ändern können. Den Dispo können wir nur durch jährliche Überschüsse abbauen.

LN: Wann ist der Dispo auf Null?
Lindenau: Das hängt von vielen Faktoren ab. Ich sage nicht, dass er in sechs Jahren auf Null ist, aber er wird sich deutlich reduzieren.

LN: In sechs Jahren endet Ihre Amtszeit: 2024. Was hat sich dann konkret in der Stadt verändert? Drei Punkte bitte.
Lindenau: Der Bürger-Service wird sich verändert haben. Die Bürger werden Teil des Verwaltungshandelns sein. Wir werden beim Thema Verkehr eine deutliche Verbesserung haben, die Menschen werden nicht mehr von Baustellen überrascht. Und wir werden mehr Kontrollen der Baufirmen einführen. Die Menschen werden feststellen, dass sich der Senat selbst stärker um die Lübecker Bürger kümmern wird. Wir werden einmal im Monat eine Einwohnerversammlung mit dem Senat in den Stadtteilen machen.

Interview: Josephine v. Zastrow

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