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Lübeck Der Christ, der an die Vernunft glaubte
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22:26 05.07.2017
Ein Mann des Wortes: In der Marienkirche setzte Günter Harig als Prediger Maßstäbe. Quelle: Foto: Christine Rudolf
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Lübeck

Im Mai und Juni 1997 verübten Unbekannte mehrere Brandanschläge auf Lübecker Kirchen, schmierten Hakenkreuze an die Wände und dazu den Namen Harig. Einmal schrieben sie sogar: „Harig Wir kriegen dich“. Damit war Günter Harig gemeint, Pastor an St. Marien und St. Petri. Er vertrat nach außen die Entscheidung der Gemeinde St. Marien, einer algerischen Flüchtlingsfamilie Kirchenasyl zu gewähren. Harig entgegnete in den LN: „Was soll ,Wir kriegen dich‘ heißen? Hier läuft doch keiner weg. Wir sind immer da und gesprächsbereit.“

Günter Harig, Pastor an St. Petri von 1988 bis 2005, ist gestorben.

Lebensdaten

geboren in Plauen (Vogtland)

1959-1968 Studium in Tübingen,

Berlin und Göttingen

1973 Gemeindepastor in Kiel

1977 Kirchlicher Dienst in der

Arbeitswelt, Kiel

1981 Bischofsreferent in Lübeck

1988 Pastor an St. Marien und

St. Petri

2005 Ruhestand

Günter Harigs Antwort auf die Gewalt war das Gespräch. Unerschrocken blieb er seinem Glauben an die Vernunft treu. Er wollte nicht allen gefallen, aber er wollte sich mit allen auseinandersetzen. Mit dieser Haltung hat er die Kirche und die Stadt geprägt. Sein bleibendes Vermächtnis ist die Stadt-, Kultur- und Universitätskirche St. Petri.

Günter Harig kam 1981 als persönlicher Referent von Bischof Ulrich Wilkens nach Lübeck. Seine Verbindung aus Organisationstalent, intellektuellem Anspruch und Ideenreichtum machte ihn in den Augen des damaligen Propstes Niels Hasselmann zur Idealbesetzung für die Petrikirche, die nach dem abgeschlossenen Wiederaufbau 1988 als Stadt- und Kulturkirche neu eröffnet wurde. Günter Harig wurde Pastor an St. Marien, aber seine Hauptaufgabe war und blieb bis zu seiner Pensionierung 2005 die Petrikirche, die keine eigene Gemeinde hatte. „Das war das, was ihn wirklich fesselte“, sagt Hasselmann, „etwas Neues zu machen, von der heutigen Zeit her denkend.“

Die Kirche wurde zum Raum für Ausstellungen, Vortragsreihen, Lesungen, Konzerte. Darunter waren ungewöhnliche Formate wie die Reihe „Dichter predigen“ oder eine Lesung, in der Bürgerschaftsmitglieder den Text von Goethes Roman „Wilhelm Meister“ vortrugen. Nach jeder Veranstaltung versammelte er interessierte Menschen um sich. „Er hat immer darauf bestanden, dass da wirklich ein Gespräch geführt wurde“, erinnert sich seine Freundin Antje Peters- Hirt, seit 1990 Mitglied des Petri-Kuratoriums. Mit persönlichen Informationen habe er hausgehalten. „Ihm ging es um die geistige Auseinandersetzung.“

Das Feld, das er beackerte, war nicht die einzelne Kirchengemeinde, sondern die Stadt, die für ihn der Ursprung alles Politischen war. Nichts ärgerte ihn mehr als die Forderung, die Stadt wie ein Wirtschaftsunternehmen zu führen. „Wie viele gute und sehr gute Ideen sterben in dieser Stadt (...), weil, sobald sie (halb) geboren sind, eine(r) sofort und also viel zu früh fragt: Und wie/von wem wird das finanziert?“, schrieb er 1994 in einem Gastbeitrag für die LN. Dem wollte er etwas entgegensetzen. „St. Petri ist die konservativste Kirche“, sagte er 1999 den LN, ein kleiner Seitenhieb auf alle, die ihm vorwarfen, die kirchliche Tradition zu vernachlässigen: „Sie wird genutzt wie 500 Jahre vorher – als öffentlicher Stadtraum.“

Bei aller weltlichen Einmischung stand die Religion, vor allem das Vorbild Jesus Christus, für ihn im Zentrum. Er teilte aber nicht den Pessimismus der Frommen, die den Bedeutungsverlust der Kirche beklagen. „Er sah die Säkularisierung als eine positive Entwicklung an. Dass Religion zur Welt kommt, sah er in der Jesusfigur idealtypisch gelöst“, sagt Pastor Bernd Schwarze, sein Weggefährte und Nachfolger. In diesem Geist knüpfte Harig auch an die kirchliche Tradition an, zum Beispiel mit dem „Petri-Tisch“, einem Mahl, zu dem er zufällig ausgewählte Menschen von der Straße in die Kirche einlud. „Das Abendmahl war für ihn eine Gemeinschaftssache, nicht der Kniefall vor dem Göttlichen“, erklärt Schwarze.

Mit seinen klugen Predigten in der Marienkirche setzte Harig Maßstäbe. Zugleich suchte er unermüdlich nach einer zeitgemäßen Gottesdienstform für die Petrikirche. Sie nahm 2000 Gestalt an mit der Petrivision. Sie findet monatlich statt, eine nächtliche, professionell inszenierte Zusammenstellung aus Literatur, Musik, Performance und Kurzvorträgen, von denen einer eine Art Predigt ist. „Ich habe das nicht geglaubt, dass das funktionieren würde – am Sonnabendabend um 11 Uhr!“, gibt der damalige Propst Niels Hasselmann zu. „Aber die Reihe gibt es noch heute.“

Günter Harig ist am vergangenen Donnerstag nach langer Krankheit mit 77 Jahren im Pflegeheim Haus Simeon in Lübeck gestorben. Er hinterlässt seine Frau und eine Tochter. Die Trauerfeier findet am Mittwoch, 12. Juli, um 14 Uhr in St. Petri statt.

 Hanno Kabel

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