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Lübeck Der Fischkönig an der Drehbrücke dankt ab
Lokales Lübeck Der Fischkönig an der Drehbrücke dankt ab
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21:47 23.03.2016
Rudi Adam (66), Inhaber der Fisch-Hütte, mit Heringen und Filets von Dorsch, Scholle und Lachs. 2007 rüstete er die ehemalige Wurstbude zu einem Fischrestaurant um. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Seine ersten Fische fing Rudi Adam (66) vor 60 Jahren am Krähenteich nahe der Schleuse. Es war verboten, dort zu angeln, und er hatte noch keinen Angelschein. Aber er hatte einen Stock, eine Schnur, einen Haken, Regenwürmer und Brötchenteig. Mit den Regenwürmern fing er Kaulbarsche, mit dem Brötchenteig Rotaugen. „Die Kleinen waren für die Katze“, erinnert er sich, „die Großen hat mein Großvater gebraten.“

50 Jahre später, er war inzwischen als Immobilienunternehmer zu Wohlstand gekommen, erfüllte sich Adam einen Traum. 2007 wandelte er den Imbiss an der Drehbrücke, den sein Schwiegervater in den 60er-Jahren übernommen hatte, zu einem Restaurant um, in dem es nur Fisch gibt — und zwar so, wie Adam es sich vorstellt. Es gibt nur sechs Sorten, die Fische werden vor Ort filetiert und frisch gebraten, jedes einzelne Fischbrötchen wird vor den Augen des Kunden zubereitet. Am ersten Tag waren am Ende 60 Euro in der Kasse.

Aber Adam ließ sich nicht beirren, und nach einer Weile lief der Laden — trotz des erheblichen Aufwands an Personal und Logistik. Stolz zeigt Adam eine Kiste aus Edelstahl, in der Dorschfilets auf Eis liegen. „Riechen Sie was?“, fragt er rhetorisch. „Fisch riecht nicht. Wenn Sie in einem Fischgeschäft sind, und es riecht nach Fisch, dann laufen sie um ihr Leben! Dann verkauft der alten Fisch.“

Adam hat viele solcher Fisch-Weisheiten im Repertoire. Aus dem Stegreif hält er lange Vorträge: Was einen guten Matjes ausmacht; warum er vom Schollenfilet nur die weiße Seite verwendet, ohne Haut; was der Unterschied ist zwischen einem frisch gefangenen Ostseelachs und einem Zuchtlachs aus Chile; warum die besten Aale die sind, die mit dem Haken gefangen werden. Manchmal, erzählt er, gehe er hinaus zu den Anglern an der Untertrave und zeige ihnen, wie man es richtig mache.

Voller Verachtung spricht er von einer Restaurantkette, die Pangasiusfilet im Angebot hat. „Ich habe den Chef gefragt: Warum machst du das? Er sagt, die Kunden wollen das so. Ich sage: Das bestimme ich, was die Kunden wollen.“

Zur Mittagszeit ist das Restaurant gut gefüllt. Anke (74) und Dieter Wulff (78) aus Wahlstedt (Kreis Segeberg) studieren die Speisekarte. Sie essen mindestens einmal in der Woche Fisch. „In jeder Form, gebraten, gedünstet, geräuchert“, sagt Dieter Wulff. Wenn sie Besorgungen in Lübeck machen, kehren sie normalerweise in der Fisch-Hütte ein. „Hier sind wir immer gut gefahren“, sagt Anke Wulff.

Bis Ende September, sagt Rudi Adam, wird der Laden geöffnet sein. Dann wird er abgerissen — und zwar eigenhändig von den Mitarbeitern. Einen Groll gegen die Stadt hegt er nicht: „Wir haben nie Streit gehabt — und werden auch nie Streit haben.“

Die Fisch-Hütte schreibt schwarze Zahlen, aber viel mehr auch nicht. „Wenn Sie so einen Laden betreiben wollen, um Geld zu verdienen, dann sollten Sie‘s nicht machen“, sagt Adam. Nicht jeder verstehe, warum er solchen Aufwand betreibe. „Mein Sohn sagt zu mir: Nimm einen Radlader und schieb das Ding in die Trave.“ Sein anderer Sohn Sebastian Kiesche (36), der als Juniorchef in der Fisch-Hütte arbeitet, sieht das anders. Er freut sich über Reaktionen wie die des kleinen Jungen, der mit seinen Eltern kam und sagte, er wünsche sich vom Weihnachtsmann, dass die Fisch-Hütte nicht abgerissen werde. Aber weiterführen wird auch Kiesche das Geschäft nicht.

Sein zweites Geschäft, den Imbiss „Grill-Hütte“ am Lindenplatz, will Adam behalten. An der Drehbrücke höre er mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf. „Das weinende Auge bedeutet, dass Lübeck ein erstklassiges Fischrestaurant verliert.“ Und das lachende? „Ich werde 67. Ich hätte nie daran gedacht aufzuhören. So hätte ich ja weitergemacht bis 105.“

Der Drehbrückenplatz ist ein zentrales Element in der Neugestaltung der Untertrave, die in diesem Herbst beginnen soll. Die Fisch-Hütte und das Klohäuschen daneben sollen weichen. Für ein neues Häuschen, das ursprünglich geplant war, gibt es keinen Investor.

Ebenfalls weichen soll das Eishäuschen am Holstentor, weil der Uferweg barrierefrei gestaltet werden soll.

Von Hanno Kabel

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