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Lübeck Der Herr der Nähmaschinen geht in den Ruhestand
Lokales Lübeck Der Herr der Nähmaschinen geht in den Ruhestand
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21:18 25.09.2013
Noch sind sie in Sachen Nähmaschinen-Reparatur und Wartung unter einem Dach: Bahattin Savac (l.) und Walter Reißenauer teilen sich derzeit ein Traditionsgeschäft. Das Jubiläum feiern sie gemeinsam. Quelle: Sabine Risch

Ein schmales Schaufenster, ein entsprechend schmaler Laden mit Werkstatt im rückwärtigen Teil — und doch befindet sich hier eine Art Nähmaschinen-Museum, eine Fundgrube für Zubehör aller Art und eine Top-Adresse für Reparaturen. Am 1. Oktober vor 100 Jahren gründete Wilhelm Kruse in der Hüxstraße 43 ein Nähmaschinengeschäft, vor inzwischen 40 Jahren übernahm es der gebürtige Augsburger Walter Reißenauer.

Nicht nur seiner schwäbisch- bayerischen Mundart wegen ist er so etwas wie ein Exot und zugleich eine Institution in der Hüxstraße, sondern auch aufgrund seines Fachwissens. Der 80-jährige gelernte Nähmaschinen-Mechaniker — „den Beruf gibt es heute so nicht mehr“ — macht keinen Hehl daraus, dass er nichts von modernen Billig-Nähmaschinen, die teils bei Discountern verkauft würden, hält. Wer dennoch heute eine Nähmaschine erwerben wolle, sollte eine mechanische nehmen und 300 bis 400 Euro ausgeben, sagt er.

Aber: So wichtig ist ihm das nicht, „denn vor fünf bis zehn Jahren konnte ich noch vom Verkauf leben, jetzt nur noch vom Service“, sagt Reißenauer. Und der wird gern genutzt. Reißenauer zeigt auf diverse Schubladen und Kästen: „Das ist alles voller Ersatzteile.“ Kunden auch aus dem gesamten Lübecker Umland kommen hierher, um ihre Nähmaschinen warten oder reparieren zu lassen.

Auf seine alten Tage hat Reißenauer noch ein Experiment gewagt: Er nahm vor einem Jahr den türkischen Schneider Bahattin Savac bei sich auf. Der musste nach 34 Jahren in der Hüxstraße sein Geschäft wegen eines Vermieterwechsels räumen und kam durch die Vermittlung von Nachbarn bei dem Nähmaschinen-Mechaniker unter. Womit man drei Fliegen mit einer Klappe schlug: Savac (51) hat eine neue Bleibe und lernt neben der Schneiderei nun auch das Reparieren von Nähmaschinen. Und Walter Reißenauer, der Ende des Jahres „in Rente“ gehen will, hat einen Nachfolger.

„Ich bin froh, jetzt zusammen mit Herrn Reißenauer hier zu sein“, sagt Savac. Und auch wenn der alte Geschäftsinhaber das nicht so zum Ausdruck bringen kann, ist erkennbar, dass auch er froh über die Zusammenarbeit ist. Ein schönes gemeinsames Erlebnis ist die Reparatur einer alten Anker-Maschine. „Wir haben uns nicht an den Antrieb getraut, aber der Kunde wollte das unbedingt“, erzählt Savac.

„Also haben wir zehn Stunden daran gebastelt und es hinbekommen — es war eine Ehre, dass ich das miterleben durfte“, sagt der Mann aus Antalya. Und der Mann aus Augsburg nickt lächelnd.

Kleine Feier
1913eröffnete Wilhelm Kruse am 1. Oktober sein Nähmaschinengeschäft in der Hüxstraße 43, 1973 übernahm es Walter Reißenauer.

2013 feiern Nähmaschinen- Mechaniker Reißenauer und Schneider Savac mit Sekt und türkischem Essen, das Savacs Ehefrau Zejnep zubereitet.

Sabine Risch

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