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21:47 17.09.2016
Martin Klatt hat vor 26 Jahren die Sportart für sich entdeckt – Er war mal Fünftbester bei den Deutschen Meisterschaften und hat den vierten Dan – Sein Hobby und sein Glaube sind für ihn kein Widerspruch.

Als Pastor ist ihm natürlich der Sonntag heilig. Aber für Martin Klatt gibt es einen weiteren Wochentag mit einer ganz besonderen Bedeutung. „Da muss ansonsten schon etwas extrem Außergewöhnliches dazwischenkommen, dass ich nicht Montagabend nach Neumünster fahre“, sagt der Theologe der Dom-Gemeinde. Es zieht ihn dort ins „Dojo Jiyu“, in den Karate-Verein. Und zwar schon seit 26 Jahren, seit Beginn seines Vikariats, das er in der 80000-Einwohner-Stadt begann. Dort wurde er anschließend auch Gemeindepastor, bis er im Jahr 2008 die Stelle im Dom antrat.

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Martin Klatt hat vor 26 Jahren die Sportart für sich entdeckt – Er war mal Fünftbester bei den Deutschen Meisterschaften und hat den vierten Dan – Sein Hobby und sein Glaube sind für ihn kein Widerspruch.

„Es geht um Kraft, um Schnelligkeit, um Beweglichkeit, um Koordination und Balance.“ Pastor Martin Klatt

„Ich war damals neu in dem Ort und als Sportinteressierter einfach auf der Suche“, erklärt der heute 55-Jährige, „Karate war jedoch nicht meine erste Wahl. Es hat mich dann aber interessiert, und beim Reinschnuppern im Training hat auf einmal alles vom ersten Moment an gepasst.“ Warum genau, könne er nicht genau fassen. „Mich haben unter anderem die Bewegungsabläufe fasziniert“, erinnert er sich. Und schließt ein Plädoyer für seine Sportart an: „Es geht um Kraft, um Schnelligkeit, um Beweglichkeit, um Koordination und Balance. Der Körper wird in vielfacher Hinsicht und in ausgewogener Weise gefordert.“

Dass diese positive Grundhaltung zu der ausgewiesenen Kampfkunst mit japanischen Wurzeln nicht alle Mitbürger teilen, wurde Martin Klatt recht schnell bewusst. „Klar war das damals ein Thema in der Gemeinde“, blickt er zurück, „es gab fragende Gesichter, aus denen zu lesen war, dass sie mein Hobby in Verbindung gebracht haben mit dem Ausleben von Aggressionen und Brutalität. Doch dies ließ sich klären; denn mir war beides immer wichtig, ernsthaft Pastor zu sein und ernsthaft Karate zu machen.“ Karate sei nunmal ein Teil seines Lebens geworden.

Im Gegensatz zu früher hat sich die „Aufregung“ um das Hobby des Predigers heutzutage gelegt. „So ist Karate inzwischen anerkannter Gesundheitssport geworden, was vor 26 Jahren kaum vorstellbar war“, bemerkt der gebürtige Lübecker. Trotzdem wird er immer mal wieder gefragt, wie er als Theologe das Ziel des Karate mit dem Gebot der Feindesliebe zusammenbringen könne.

„Darüber habe ich viel nachgedacht und auch die Bibel neu gelesen“, sagt Martin Klatt in seinem Pastorat in der Stresemannstraße. Die Geschichte von Kain und Abel etwa: Die Brüder stehen für die erste Menschengeneration nach Adam und Eva. An ihnen wird ein Wesenszug der Menschheit beschrieben. „Die Möglichkeit, einen Menschen zu töten, liegt in jedem. Wer damit umgehen will, muss es ansehen.

Der Umgang im Karate damit ist geradezu genial“, so Klatt. „Den Abgrund der Aggression anschauen, trainieren – und kontrollieren lernen.“

Analog zu seinem beruflichen Leben war und ist der zweifache Familienvater auch in seinem Sportlerleben erfolgreich. So hat er den vierten Dan erreicht und trägt damit einen schwarzen Gürtel um seinen Karate-Gi. „In den ersten Jahren habe ich auch in der Leistungsklasse Wettkämpfe bestritten, später in der Altersklasse mit dem Ergebnis, Landesmeister geworden zu sein und den fünften Platz bei Deutschen Meisterschaften errungen zu haben“, so der erfahrene Karateka. Berufskollegen habe er in den ganzen Jahren erst einmal getroffen – „das war bei meiner Prüfung zum zweiten Dan. Da stand ich einem Pastor aus der bayrischen Landeskirche gegenüber, und die Prüfer hatten natürlich ihren Spaß.“

Im echten Leben hat es nur einmal eine Situation gegeben, in der sich Martin Klatt so bedroht gefühlt hat, dass er kurz darüber nachdachte, Karate zur Selbstverteidigung anzuwenden. „Die Situation war sehr bedrohlich. Da kam jemand mit hoher Aggression auf mich zu“, erzählt er, „aber im selben Moment hat mich das Wissen um mein Können beruhigt, gestärkt und überlegen gemacht. Diese Ausstrahlung hat wohl bewirkt, dass mein Gegenüber auf Distanz geblieben ist.“ Und jeder vermiedene Kampf sei schließlich ein gewonnener Kampf, betont er. Bei Olympia 2020 in Tokio ist Karate übrigens erstmals als Sportart zugelassen – „wir haben im Verein schon überlegt, ob wir hinfahren“, schmunzelt der Dom-Pastor.

Die „heiligen“ Hobbys der Pastoren

Der Klassiker: Ein Großteil der von den LN befragten Pastoren und Pastorinnen aus Lübeck hat vor allem ein Hobby: das Lesen. Allerdings nicht nur Bücher mit theologischem Hintergrund, sondern auch Krimis oder Liebesromane. Armin Schmersow aus der St.-Lorenz-Kirche in Travemünde besitzt sogar eine ganze Heim-Bibliothek mit zirka 10000 Büchern.

Die meisten der Pastoren musizieren nicht nur im Rahmen ihrer Arbeit, sondern auch als Ausgleich außerhalb des Jobs. So gehören das Singen im Chor, das Spielen der E-Gitarre oder der Querflöte zu dem privaten Zeitvertreib.

Einen freien Kopf bekommen viele Lübecker Pastoren beim Wandern durch die Berge, wie zum Beispiel Christine Oldemeier von der Kreuzkirche in St. Jürgen. Sie pilgert nebenbei mit viel Freude auf dem Jakobsweg und ist nach vielen Bildhauerkursen in Würzburg leidenschaftliche Bildhauerin. Ein wenig schneller geht es bei Pastorin Margrit Wegner zu, die möglichst früh am Morgen um die Altstadtinsel joggt.

Pastorin Dagmar Posner-Noack aus der Kirchengemeinde Kücknitz übt nicht nur die außergewöhnliche Sportart „Qi Gong“ aus. Sie malt auch Ikonen – wie zum Beispiel Engel – unter anderem mit Blattgold. Und natürlich ist für Pastoren Hilfsbereitschaft wichtig: So zählt der ehemalige Pastor Dr. Jörn Halbe die ehrenamtliche Unterstützung für eine Organisation (CWM) für Menschen mit Behinderungen zu seinen Hobbys.     als

 Michael Hollinde

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