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„Der Krieg saß vor unserer Tür“

Bombenangriff an Palmarum „Der Krieg saß vor unserer Tür“

Als Bomben auf Lübeck fielen, war Kurt Schumacher an der Oberschule zum Dom als Brandwache eingeteilt. 75 Jahre später erzählt er Schülern davon. Unsere Bilderstrecke mit Fotos von damals zeigt die Zerstörung Lübecks. 

Palmarum 1942: Kurt Schmacher war Brandwache in der Oberschule zum Dom in Lübeck.

Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Lübeck. Vor 80 Jahren saß Kurt Schumacher schon einmal hier, in genau diesem Klassenzimmer mit Blick auf den Dom. Er war gerade zehn Jahre alt und begann als Schüler der Sexta a seine Laufbahn an der Oberrealschule zum Dom (ORzD), wie sie damals hieß.

In dieser Bildergalerie zeigen wir wertvolle historische Bilder, die die an Palmarum 1942 zerstörten Teile der Lübecker Innenstadt dokumentieren.

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Doch nicht davon will er den Zehntklässlern aus dem Geschichtsprofil und ihrem Lehrer Hauke Wegner erzählen. In der Nacht vom 28. auf den 29. März 1942 griffen 234 Flugzeuge der britischen Luftwaffe Lübeck an und zerstörten weite Teile der Altstadt. Mitten zwischen den Brandbomben und Sprengbomben war der 15-jährige Kurt Schumacher, der in seiner Schule Dienst als Brandwache hatte.

Mehr Berichte zu Palmarum finden Sie auf unserer Themenseite

Die Schüler (Mädchen gab es an der ORzD nicht) waren für den Luftschutz ausgebildet worden und hatten Gasmasken bekommen. Wer Dienst hatte, dem wurde ein Asbesthandschuh ausgehändigt, mit dem er Brandbomben ergreifen und hinauswerfen konnte. Auch zu Hause gehörte der Luftschutz zum Alltag: In der Hansestraße, wo Kurt Schumacher wohnte, waren die Keller ertüchtigt und miteinander verbunden worden. „Wir haben das nicht als Negativum empfunden“, sagt er den heutigen Schülerinnen und Schülern. „Wir waren ja groß geworden unter dem Titel: ,Befehl und Gehorsam‘. Das war die Devise. Kritisch nachfragen, so wie ihr das lernt: Das hatten wir nicht.“

Leitartikel von Hanno Kabel

Was Palmarum 1942 mit uns zu tun hat

Warum sollen wir uns an den Luftangriff auf Lübeck zu Palmarum 1942 erinnern? Nur eine Antwort kann auf Dauer Bestand haben: Damit wir niemals den Abscheu gegen den Krieg verlieren. Dieser Abscheu ist ein Grundpfeiler unserer Gesellschaft und des modernen Europas.

Die meisten heute lebenden Deutschen haben den Krieg nicht erlebt. Das ist ein großes Glück, aber es bringt eine Pflicht mit sich: die Pflicht, die Erinnerung der Lebenden und der Toten lebendig zu halten, um den Abscheu gegen den Krieg lebendig zu halten. Wer die Lübecker Altstadt kennt und die Bilder der brennenden Kirchtürme sieht, die Nahaufnahmen der Trümmerberge, die Luftbilder der Ruinenlandschaften; wer Lübeck kennt und die Berichte der Menschen liest, die im Luftschutzkeller Todesangst ausstanden oder als Jugendliche in den Bombenhagel geschickt wurden: für den ist der Krieg nicht mehr abstrakt. Er ist nicht mehr weit weg von uns in Städten, die wir nur aus dem Fernsehen kennen: Aleppo und Homs in Syrien, Mossul im Irak, Kabul in Afghanistan. Alles, was wir darüber in den Zeitungen lesen und auf dem Bildschirm sehen, kann auch hier passieren. Es ist hier passiert.

Hass, Rachsucht und Zerstörungswille sind keine Erfindung des Assad-Regimes, des „Islamischen Staats“ oder der Taliban. Vor 75 Jahren hatte die Unmenschlichkeit, von Deutschland ausgehend, ganz Europa im Griff. Viele Millionen Menschen starben, die Zivilisation, auf die Europa so stolz gewesen war, brach zusammen. Der Schrecken darüber saß so tief, dass die freien Staaten Europas eine Gemeinschaft zum Wohl aller bildeten. „Elitenprojekt“ oder nicht: Die Europäische Union ist das Beste, was Europa politisch je zu Stande gebracht hat. Klingt nach Sonntagsrede? Mag sein. Oft hat das Pathos der europäischen Idee nur dazu gedient, vom mühseligen Alltag der Europäischen Union abzulenken. Aber spätestens seit dem Brexit sollten die Unzulänglichkeiten der Brüsseler Bürokratie nicht unsere größte Sorge sein, wenn es um Europa geht. Die Alternative zur Europäischen Union ist nicht eine heile Welt der souveränen Nationen. Die Alternative ist der Krieg.

In Lübeck missbrauchten Neonazis jahrelang das Gedenken für ihre Demonstrationen. Wer an Palmarum 1942 erinnern will und dabei nicht an Aleppo denkt und all die anderen Orte, an denen Kinder, Frauen und Männer in unseren Tagen massenweise getötet werden, der hat nichts verstanden. Wer an Palmarum erinnern will, um einen nationalen Opfermythos zu schaffen, um die Toten der Kriegsparteien gegeneinander aufzurechnen, um die Völker Europas zu spalten: der möge in diesen Tagen schweigen. Was wir über Aleppo, Mossul oder Kabul in den Zeitungen lesen und auf dem Bildschirm sehen, kann auch hier passieren.

Es ist hier passiert.

Der 28. März 1942 war ein normaler Schultag, wie jeder Sonnabend. Kurt Schumacher aß bei der Schulspeisung im Katholischen Gesellenhaus zu Mittag, dann trat er seinen Brandwachen-Dienst an. Um 23.18 Uhr heulten die Sirenen. Zwei Minuten später begann das Inferno. Diesmal ging nicht nur eine Handvoll Bomben in einer dünn besiedelten Gegend am Stadtrand nieder, wie es seit 1940 immer wieder vorgekommen war. Kurt Schumacher sah die Brandbomben, die ungefähr die Größe und Form eines Staffelstabs hatten, wie Regen auf die Schule fallen. Sie durchschlugen das Dach, sie lagen in den Räumen und auf dem Schulhof. „Überall sah man, wie kleine Feuer entstanden.“ Der Hausmeister schickte ihn und seine Mitschüler hierhin und dorthin, um die Bomben zu entfernen, aber sie kamen nicht hinterher, es waren zu viele. „Wir waren immer so stolz auf unsere Aula“, sagt Schumacher. „Dort brannte alles wie Zunder.“
Jemand fragt Kurt Schumacher, ob er Todesangst gehabt habe. „Ja, wir hatten Angst. Aber man hat sich überwunden, man hat irgendwie mitgemacht.“ Nach einer halben Stunde gab es kein Löschwasser mehr.
Kostbare Zeit verstrich, bis welches vom Krähenteich herangeschafft wurde, und immer wieder rissen die Schläuche. Zwischendurch fielen Sprengbomben. Eine davon tötete den Feuerwehrmann Herbert Paetau, aber davon erfuhr Kurt Schumacher erst später. Er erinnert sich an die Luftmine, die kurz vor Ende des Angriffs herunterkam und alle Türen und Fenster in dem Trakt sprengte, in dem er 75 Jahre später vor den Schülern steht.
Als sein Dienst um fünf Uhr morgens endete, war der Bombenangriff vorbei, aber die Zerstörung ging weiter. „Ich habe nie ein Gebäude so gewaltig brennen sehen wie das Naturhistorische Museum“, sagt Schumacher. „Überall waren wir am Ende der Sache von lauter Bränden eingekreist.“ Erschöpft ging er am Mühlenteich entlang und durch die Wallanlagen nach Hause. Auch dort war lauter Zerstörung. „Ich sah sofort das Eckhaus zwischen Meierstraße und Hansestraße: ein Volltreffer. Da war nichts von übrig, nur ein Schutthaufen.“ Im Haus seiner Familie hatte die Druckwelle alle Fensterscheiben zerstört. „Als ich nach Hause kam, waren meine Schwester und meine Mutter dabei, die Fenster irgendwie dicht zu kriegen mit Pappen und Tüchern. Ich habe helfen müssen, ich bin gar nicht zur Ruhe gekommen.“
Seine Mutter hatte zwei Brüder an den Ersten Weltkrieg verloren. Jedes Jahr am Volkstrauertag ging sie mit ihren Kindern zum Ehrenfriedhof an der Travemünder Allee. Am 1. September 1939, als die Nachricht vom Kriegsbeginn sich verbreitete, hatte Schumacher an einem Sportfest auf dem Buniamshof teilgenommen. „Die Leute nahmen das so hin“, erinnert er sich.
Und am Palmsonntag 1942? „Ich will mal sagen“, erzählt Schumacher, „dass wir uns schon bewusst waren, dass wir jetzt einer neuen Kriegsphase entgegenkamen, wo der Krieg ganz unmittelbar vor unserer Tür saß.“ Aber Zweifel am Krieg seien ihm nicht gekommen. „Wir wollten etwas tun“, sagt er und zitiert die Mottos, die der Jugend eingetrichtert worden waren: „Du bist nichts, dein Volk ist alles.“ - „Wer je auf uns’re Fahne schwört, hat nichts mehr, was ihm selbst gehört.“ - „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen.“
Erst 1949 zog die OzD in ihr wieder aufgebautes Schulhaus ein. Bis dahin wurde der Unterricht in andere Gebäude ausgelagert. Kurt Schumacher bediente Flakscheinwerfer und -geschütze in Dummersdorf und Lauen, meldete sich zur Marine, wurde kurz vor Kriegsende nach Neustrelitz geschickt und an der Panzerfaust ausgebildet, floh vor den heranrückenden Russen, geriet in englische Gefangenschaft und kam im Herbst 1945 halb verhungert nach Hause. Da war er 18. „Meine Mutter hat mich beinah nicht erkannt.“
Kurt Schumacher ist nicht gestorben, Deutschland ist nicht gestorben, und Lübeck wurde wieder aufgebaut. Schumacher wurde Lehrer, Schulleiter und Oberregierungsrat und half nach der Wiedervereinigung beim Aufbau des Kultusministeriums in Mecklenburg- Vorpommern. Noch immer trifft er sich jedes Jahr mit den Überlebenden seines Abiturjahrgangs 1946. Die Ruine des Naturhistorischen Museums zwischen dem Dom und dem Mühlenteich wurde nach dem Krieg abgerissen und 1961 durch einen Neubau ersetzt. Und die denkmalgeschützte Aula der OzD ist wieder der Stolz der Schule.

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