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14:20 07.10.2017
Gustav Querfurth (82) mit einem Druck der berühmten Merian-Stadtansicht, einem Kupferstich von 1641. Quelle: Felix König
St. Jürgen

Gustav Querfurth ist in einem anderen Lübeck aufgewachsen als dem aus den Geschichtsbüchern. Die Welt seiner Kindheit und Jugend in den 30er bis 50er Jahren war das Arbeiterviertel Marli, wo jeder Straßenabschnitt seine Kinderclique hatte, wo man auf der Straße spielte oder ins Lauerholz ging, wo die stolzen Bürgerfamilien der alten Kaufmannsstadt weit weg waren. „Meine Mutter konnte nicht gut lesen und schreiben. Sie konnte es überhaupt nicht verstehen, dass ich Bücher nach Hause brachte“, erinnert er sich. „Sie sagte: ,Junge, du machst dir die Augen kaputt.‘“

Als junger Mann fing Gustav Querfurth an, Bücher über seine Heimatstadt Lübeck zu sammeln. So entstand eine Bibliothek mit mehr als 800 Büchern, die er für Vorträge, Aufsätze und eigene Bücher nutzte. Jetzt will er die Sammlung aufgeben: „Mit 82 Jahren soll man sein Haus bestellen.“

Aber Gustav Querfurth, der heute 82 Jahre alt ist, ließ nicht ab von den Büchern. Im Gegenteil. In 50 Jahren hat er eine ganze Bibliothek angesammelt, mehr als 800 Bücher zu dem Thema, das ihn mehr als alles andere faszinierte: Lübeck. Das Lübeck mit der Jahrhunderte alten Geschichte, mit den großen Bauten, Kunstwerken und Patrizierfamilien.

Nach seiner kaufmännischen Lehre in einem Lampengeschäft ging Querfurth Ende der 50er Jahre nach Westfalen, wo er als Vertriebsleiter einer Leuchtenfabrik arbeitete. „In der Fremde“, sagt er, „wurde mir klar, dass ich von Lübeck eigentlich gar nichts weiß.“ In dieser Zeit fing er an, Lübeck-Bücher zu kaufen. Als erstes erstand er eine Sammlung des Lübeck- Jahrbuchs „Der Wagen“. Auf seiner Reiseschreibmaschine schrieb er Textpassagen ab, die ihm besonders erinnerungswürdig erschienen.

Nach zehn Jahren kehrte Querfurth zurück nach Lübeck und machte sich mit einem Lampengeschäft selbständig. Die alten Familien hatten noch großen Einfluss, und wer mit ihnen Geschäfte machen wollte, musste wissen, welche berühmten Männer aus ihnen hervorgegangen waren. „Man wurde ein bisschen merkwürdig angeguckt, wenn man als Lübecker sich in den Lübecker Familien nicht auskannte“, sagt Querfurth.

1983 wechselte er den Beruf und betrieb fortan mit seiner Frau ein Altenheim in St. Jürgen. Es lag in einer herrschaftlichen Villa, und die Bewohner entstammten der bürgerlichen Schicht. Querfurth und seine Frau machten das Heim zu einer Art Kulturzentrum mit Kunstausstellungen, Vorträgen, Konzerten und Gottesdiensten. Finanziert wurde das alles durch einen Förderverein, und für dessen Heft schrieb Querfurth immer einen historischen Aufsatz – zehn Mal im Jahr, 20 Jahre lang. Er hat mehrere Bücher über Lübeck-Themen verfasst und viele Vorträge gehalten.

Und die Bücher in seiner Bibliothek wurden immer mehr. Das älteste Stück ist ein Blatt aus einem Buch von 1590: „Die statt Lübeck / eine auß den fürnemsten stetten so am mör gelegen“. Ein Buch von 1777 enthält die Prozessakten des Streits zwischen dem Domkapitel und dem Magistrat der Stadt. Es gibt einen Stadtplan von 1873, viele Biografien von Persönlichkeiten aus der Stadt, eine Sammlung der „Lübeckischen Blätter“ aus dem Bestand des Fotografen Wilhelm Castelli, gebundene Nachrufe aus dem 18. Jahrhundert.

Es sind Juwelen darunter. „Man fängt irgendwann an zu sammeln, und man hört auf“, sagt Querfurth. Bis an sein Lebensende will er die Bücher nicht behalten. Seine Vorsorgevollmachten sind ausgestellt, sein Testament ist geschrieben, und jetzt ist Querfurth dabei, ein Inventar seiner Lübeck-Bücher aufzustellen, um sie, soweit möglich, zu verkaufen. 17 eng beschriebene Seiten zählt das Inventar bis jetzt. Seine Kinder haben kein Interesse. „Mein Sohn sagt: ,Wo soll ich das alles lassen?‘“

Schon während seiner Zeit als Heimleiter hat Querfurth sich mehr und mehr einem anderen Feld zugewandt: dem Lübecker Dom – dessen Kirchenvorstand er lange angehörte – , der Theologie und der Religionsgeschichte. Auch zu diesen Themen hat sich eine Bibliothek angesammelt. Auch sie nutzt Querfurth für Vorträge, Artikel und Bücher. „Das ist ja das Tollste“, sagt er, „dass man auch mit 82 Jahren noch etwas dazulernen kann.“

Bürgerliche Gesellschaft

Ein Patriziat, ein bürgerlicher Stadtadel, bildete sich im 14. Jahrhundert mit der Zirkelgesellschaft heraus. Aus diesem Kreis von Kaufmannsfamilien kamen über Jahrhunderte die meisten Ratsherrn und Bürgermeister.

Im 19. Jahrhundert wandelte sich die Gesellschaft, und andere Familien stiegen auf. Diese Zeit beschreibt Thomas Manns „Buddenbrooks“. Heute noch bekannte Familiennamen sind zum Beispiel Overbeck, Eschenburg und Deecke.

 Hanno Kabel

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