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Lübeck Der Mann mit Action-Vergangenheit
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09:56 21.08.2017
Zufrieden schaut Wilfried Zander aus der selbst gebauten Kulisse, die in „Kalle Blomquist“ eine schwedische Bäckerei ist und abends für „Sherlock Holmes“ zum englischen Pub wird. Quelle: Foto: Ulf-Kersten Neelsen
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Mehr oder weniger elternlos in Potsdam aufgewachsen, lernte Zander zunächst einmal Werkzeugmacher. Aber: Er war auch Military-Reiter, widmete seine gesamte Freizeit dem Reiten. Zanders Stunde kam, als bei der Defa in Babelsberg dringend für einen historischen Western „Pferdestürzer“ gesucht wurden und andere Stuntleute kurzfristig ausfielen.

Der Start in eine große Karriere, denn schnell war der junge Werkzeugmacher soweit, dass er ganze Inszenierungen mit Pferden entwickeln durfte. Zander verdiente gut – sehr gut, „im Schnitt habe ich vier Filme pro Jahr gemacht.“ Schon bald hatte er einen eigenen Reitstall, stellte seine Pferde für die Defa-Produktionen zur Verfügung. „Armin Mueller- Stahl zum Beispiel hat bei mir reiten gelernt“, erzählt Zander, der auch Filme mit anderen DDR-Größen wie Manfred Krug machte.

Der Leiter der Freilichtbühne war jahrzehntelang Stuntman – Erst in der DDR, dann im Norden.

Wilfried Zander verdiente richtig gut, bekam immer mehr Aufgaben, die ihn auch „ins sozialistische Ausland“ führten. Doch von früh an war er nicht auf einer Linie mit dem Regime. Ende der 60er Jahre versuchte er, über die Kanalisation in den Westen zu fliehen: „Aber sie haben mich gekrallt.“ Ein halbes Jahr saß Zander im Knast, „doch wegen Überfüllung haben sie mich dann entlassen“. Er stellte einen Ausreiseantrag, durfte 1976 endlich die DDR verlassen und ging direkt nach Schleswig- Holstein, „denn das ist Pferde-Aufzuchtland, außerdem war ein Cousin von mir in Schlutup tätig.“

Quasi nahtlos gestaltete sich der Übergang zu den Karl-May-Spielen und zum NDR. Zander drehte Stunts fürs „Großstadtrevier“, „Derrick“, „Der Alte“ und andere Produktionen mehr, übernahm die Action-Szenen als Schurke oder böser Indianer am Kalkberg. Auch in der „Schwarzwaldklinik“, da mit seinem alten DDR-Stunt-Kumpel Peter Hick, seit 1993 Intendant der Störtebeker Festspiele Ralswiek, wirkte Zander mit. „Wir haben immer die verunglückten Patienten gemimt.“

An seinem gefährlichen Job hat ihm am meisten Spaß gemacht, „mich auf die Aufgabe vorzubereiten, so dass der Stunt sicher ist.“ Rückblickend sagt er: „Ich bin froh, dass ich heil durchgekommen bin.“

In 36 Jahren Stunt-Tätigkeit hat er sich nur zweimal verletzt – einmal am Arm, einmal am Bein. Beendet hat Zander seine Tätigkeit erst vor zwölf Jahren.

Da hatte er schon längst die Freilichtbühne übernommen. „Ich hatte Lust, selber Theater zu machen“, sagt er. Und da 1990 die Freilichtbühne brach lag, pachtete er sie von der Stadt. Es gab viel zu tun. „Aber ich habe die Ärmel hochgekrempelt und losgelegt.“ Viel Geld hat er damals investiert, „Geld, das ich ohne meine Stunts nicht gehabt hätte.“ An seine erste Saison 1991 kann er sich noch genau erinnern: „Wir haben ,Räuber Hotzenplotz’ gespielt.“

Wilfried Zander wäre nicht Wilfried Zander, wenn er nicht fast alles selbst machen würde in den Wallanlagen. Vor allem im Kulissenbau wird er permanent tätig, da kommt ihm sein handwerkliches Geschick zugute. Allerdings hat er Unterstützung: „Meine Frau Beate und meine Tochter Marie halten mir den Rücken frei“, sagt er.

Die Freilichtbühne ist zu seiner zweiten Heimat geworden. Am meisten Spaß hat er, „wenn die Familien glücklich sind“. Was Zander sich wünscht: „Dass auch die Lübecker entdecken, was für eine schöne Freilichtbühne wir hier haben.“

Sabine Risch

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