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Der Schatzsucher der Hansestadt

Lübeck Der Schatzsucher der Hansestadt

Niemand kann über das Mittelalter so lebendig erzählen wie er, niemand kennt Lübecks vergrabene Geheimnisse so gut. Jetzt geht Manfred Gläser nach 34 Jahren in Rente.

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Seltenes Bild: Manfred Gläser (67) ohne Zigarette.

Quelle: Felix König

Lübeck. Es ist ein Kribbeln. Das Gefühl, dass der Arm bis in die Vergangenheit hineinreicht — wenn er einen Gegenstand aus der Erde zieht. Zwar verdreckt, moderig und nach Kloake riechend, aber dennoch. Das schlanke Glas, bunt verziert mit Gold — es ist Hunderte von Jahren alt, stammt aus Syrien und liegt auf dem Areal des Johannis-Klosters mitten in der Altstadt.

Dieses Zeugnis des Mittelalters hielt Manfred Gläser vor Jahrzehnten in Händen. Mit der Kelle hat er Schicht für Schicht das Erdreich abgetragen — und diesen Fund gemacht. Sein schönster. „Syrisches Glas war sehr beliebt im Mittelalter“, erzählt der 67-Jährige.

Er sitzt auf einem der abgegriffenen Stühle in seinem Büro, das einst einem Offizier gehört haben mag. Das heruntergekommene Gebäude am Meesenring erzählt noch von der Zeit, als es eine Kaserne war.

Heute sitzt Lübecks Chef- Archäologe darin — mit all seinen Schätzchen. Vier Millionen Funde zählt die Sammlung, die größte neben der im russischen Nowgorod. Das Pfeifen des Windes ist überlaut zu hören — so zugig ist es dort. Gläser beklagt sich nicht. Er dreht sich eine schwarze Krauser — eine starke Zigarette. „Das haben in den 70er-Jahren früher nur ,Knastis‘ und Studenten geraucht“, sagt Gläser. Und mit „Knastis“ kennt er sich aus. Bis Anfang der 90er-Jahre waren Strafgefangene billige Arbeitskräfte, die bei Grabungen in der Altstadt mitgebuddelt haben.

Und gebuddelt hat Gläser viel. Lübeck gilt als die archäologisch am besten untersuchte Stadt Deutschlands. 120 Hektar ist die Altstadtinsel groß — drei Hektar sind archäologisch untersucht, gerade 2,5 Prozent. Aber das ist dennoch viel. Und das ist Gläser zu verdanken. Ihm, dem Schatzsucher von Beruf. Auch wenn es in der Wissenschaft als unfein gilt, gibt Gläser zu: „Natürlich haben Archäologen das Fieber der Schatzsuche.“

Zudem: Er liebt den Geruch von Erde und die Fantasie, die in Lübecks Boden vergraben liegt. Denn die Funde erzählen Geschichten, manche davon sind grausige Kriminalromane. Wie die eines jungen Mädchens, deren Skelett in einer Kloake gefunden wurde. Untypisch, im Mittelalter wurden die Menschen bestattet. Bei der Untersuchung stellt sich heraus: Die 16-Jährige war an beiden Händen gefesselt gewesen, die Oberarme waren gebrochen. Vergewaltigt, ermordet und in einer Kloake entsorgt — eine Leiche, die verschwand? „Eigentlich müsste man diese Geschichten aufschreiben“, sagt Gläser. Aber er wird es wohl nicht machen. „Das versucht doch jeder, wenn er in den Ruhestand geht.“ Gläser ist sich sicher: „Das Mittelalter war nicht grau, sondern prall, vital, unglaublich bunt und erotisch.“

Darüber hätte er viele Geschichten zu erzählen. Immerhin: Er hat 153 Aufsätze verfasst, 35 Publikationen herausgegeben und er unterrichtet an der Uni in Kiel als Honorarprofessor. Wie er auch schon früher an den Unis in Hamburg und Rostock gelehrt hat.

Ja, Rostock. Das war die einzige Unterbrechung seiner langen Zeit bei der Hansestadt. Drei Jahre lang hat Gläser das Kulturhistorische Museum als Direktor geführt. „Die spannendste Zeit — so kurz nach der Wende.“ Doch dann sollten alle Museum zusammengefasst werden. Gläser hatte genug und ging 1994 zurück zur Stadt. Als Chef der Archäologie. Und als dieser hat er Lübeck zum Mittelpunkt der Archäologie in Nordeuropa gemacht. Alle zwei Jahre kommen seither die Archäologen aus 15 Länder von Irland bis Russland ins Pommernzentrum nach Travemünde. Da wird getagt, genetzwerkt und gefeiert.

Gläser hat auch den Verein der Archäologischen Gesellschaft mit 200 Mitgliedern ins Leben gerufen. Heute feiert sie 20. Geburtstag — und Gläser hält die Festrede.

Er liebt seine Arbeit; und er wäre gerne noch zwei Jahre bei der Stadt geblieben, obwohl er schon längst hätte in Rente gehen können. Doch die Politiker machten ihm einem Strich durch die Rechnung.

Sie stimmten der zweiten Verlängerung seiner Amtszeit nicht zu. Das verletzt. Doch jetzt wird Gläser bis zum letzten Tag, dem 29. April, arbeiten — und noch einen Schreibtisch in dem zugigen Kasernengebäude am Meesenring behalten; weil er das Stadtjubiläum vorbereitet und die Grabung im Gründungsviertel dokumentiert.

Seine größte Niederlage war indes eine andere, eine ganz bittere. Zum ersten Mal kam 1950 jemand auf die Idee, die archäologischen Funde auszustellen. 2005 dann hat Gläser die Sammlung im Burgkloster eröffnet. Ein Jahr später war klar: Er muss sie wieder einpacken — das Hansemuseum kommt. Da flossen Tränen bei den Mitarbeitern. So viel Herzblut steckte darin. Doch 2011 war Schluss. Ob die archäologische Ausstellung wiederkommt? „Das hoffe ich doch!“, sagt Gläser. Wann? „Als Archäologen denkt man in großen Zeiträumen.“

Er holte die Königin

Manfred Gläser stammt aus Sulingen bei Bremen, studierte an der Uni Hamburg, promovierte in Mittelalterlicher Geschichte und kam 1979 zur Hansestadt. 1991 ging er für drei Jahre nach Rostock als Museumsdirektor. Als Chef der Archäologie kam er zurück — und holte 2003 Dänemarks Königin Margrethe II. nach Lübeck. Anlass war die archäologische Ausstellung „Dänen in Lübeck“. Für Gläser einer der „schönsten Momente“ — der mit einem unbedarften Anruf beim dänischen Botschafter in Berlin begann und in der Folge ganz Lübeck auf Trab hielt.

Von Josephine von Zastrow

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