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Lübeck Der Schwerhörigkeit auf der Spur
Lokales Lübeck Der Schwerhörigkeit auf der Spur
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20:10 08.08.2018
Kinderkrankenschwester Carola Groth aus dem Eltern-Kind-Zentrum der Uniklinik misst bei Baby Karl das Hörvermögen, beobachtet von Prof. Rainer Schönweiler (l.), Leiter der Sektion für Phoniatrie und Pädaudiologie, sowie Stiftungsvorstand Ernst Syring. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen, Guido Weinberger/uksh
St. Jürgen

Die gute Nachricht zuerst: Karls Ohren sind gesund. Und daran, dass – wie es nun mal das Schicksal eines Neugeborenen ist – erneut eine medizinische Untersuchung an ihm vorgenommen wurde, wird er sich später bestimmt nicht erinnern. Denn er hat die Messung im zarten Alter von drei Tagen mittels eines Spezial-Kopfhörers schlicht verschlafen. „Abgekürzt wird sie mit ,AABR‘ und als Hirnstammaudiometrie bezeichnet“, erklärt Rainer Schönweiler.

Um früh Schwerhörigkeit bei Kindern zu entdecken, wurde 2009 bundesweit das Neugeborenen-Hörscreening eingeführt. In Schleswig-Holstein allerdings gibt es das schon seit 2002, dank des Uni-Professors Rainer Schönweiler und der finanziellen Hilfe durch die Bluhme-und-Jebsen-Stiftung.

Der Arzt ist Professor am Lübecker Uniklinikum und leitet die Sektion für Phoniatrie und Pädaudiologie, ist also Experte, wenn es um Erkrankungen und Störungen der Sprache sowie des kindlichen Hörvermögens geht. „Diesbezüglich ganz früh im Leben schon Defizite aufzudecken und behandeln zu können, ist extrem wichtig, um eine normale Sprachentwicklung zu ermöglichen“, betont er. Immerhin kommen in Schleswig-Holstein jährlich etwa 50 Babys zur Welt, die sehr schlecht hören können.

Um Schwerhörigkeiten unmittelbar nach der Geburt zu erkennen, gibt es daher – inzwischen weltweit – ein Vorsorgesystem, das Universelle Neugeborenen-Hörscreening, abgekürzt UNHS. Das war aber viele Jahre nicht so; und Rainer Schönweiler gilt als Vorkämpfer für diese Reihen-Messmethode. So startete er bereits 1995 mit Untersuchungen zur Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens an der Medizinischen Hochschule in Hannover.

„Ohne Screening werden die Kinder durchschnittlich zweieinhalb Jahre alt, bis das Defizit entdeckt wird, und bis dahin sind schon wichtige Hör- und Sprachentwicklungsschritte verpasst“, weiß der Fachmann. 2002 – inzwischen Professor auf dem Uni-Campus – wurde das UNHS dank seiner Initiative in Schleswig-Holstein begonnen, noch sieben Jahre vor der verpflichtenden Einführung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss und damit der Finanzierung durch die Krankenkassen. Für sein Engagement bekam Schönweiler bereits das Bundesverdienstkreuz am Bande überreicht.

Um diesen langen Atem jedoch haben zu können, benötige man natürlich auch Financiers an seiner Seite, betont der Professor. „Und mit der Friedrich-Bluhme-und-Else-Jebsen-Stiftung, die seit 2003 eine jährliche Finanzspritze von gut 50000 Euro gewährt, also bis heute etwa 700 000 Euro, hatten wir einen sehr starken Partner für unser Anliegen“, so Schönweiler, „worüber wir sehr dankbar sind.“

Durch das Geld kann auch die Hörscreening-Zentrale – „als Instrument für Qualitätssicherung“ – bezahlt werden. „Bei uns laufen alle Daten zusammen“, erklärt Antje Dechow, die diese Einrichtung leitet. Leider entziehen sich nach Auskunft der Expertin rund die Hälfte der Eltern, bei deren Neugeborenen ein Verdacht auf Schwerhörigkeit besteht, einer weitergehenden notwendigen Diagnostik.

Die Hörscreening-Zentrale Schleswig-Holstein verwendet daher viel Zeit und Mühe auf das „Tracking“. Dazu Antje Dechow: „Alle Kinder, die bei der Diagnostik im Land auffällig waren oder durch welche Umstände auch immer nicht getestet worden sind, werden mittels einer Software, die in der Lübecker Uni-Informatik entwickelt worden ist, herausgefiltert“, erläutert die examinierte Kinderkrankenschwester. Danach würden die Eltern dreimal Erinnerungsschreiben im 14-täglichen Rhythmus bekommen, „und wenn dann noch keine Reaktion erfolgt ist, rufe ich noch zweimal an“, sagt Dechow. Ihr Resümee: Die aller- meisten freuen sich, dass sich jemand kümmere. Sie berate natürlich auch über die nächsten Schritte.

Denn wenn die Schwerhörigkeit sofort entdeckt wird, können die Kinder rechtzeitig zum Beispiel mit Hörgeräten oder Cochlear Implantaten versorgt werden. In jedem Fall aber wird eine Frühförderung in die Wege geleitet.

Von Michael Hollinde

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